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Jahrbuch und Dokumentation

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Festschrift: Kollegen

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Lothar Nettelmann

Erinnerungen an Bernhard Buschmann

Bernhard Buschmann [Latein/Geschichte] war nach .13 einjähriger Tätigkeit im Kultusministerium an die Bismarckschule zurückgekehrt. Er wurde zum Fachberater für Gemeinschaftskunde ernannt. Die Vorstellung eines Integrationsfaches Gemeinschaftskunde geht auf die Saarbrücker Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz zurück. Die anfängliche Idee, Erdkunde und Geschichte völlig in diesem Unterrichtsfach aufgehen zu lassen, ließ sich bildungspolitisch und gegen den Widerstand der betroffenen Fachverbände und den von ihnen vertretenen Kolleginnen und Kollegen nicht vollständig realisieren.

So kam es zu einer zehnjährigen Zweigleisigkeit von einem Pflichtfach Gemeinschaftskunde, das zuerst von Geschichts- und Erdkundelehrern – z.T. nach entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen – unterrichtet wurde, und einem zusätzlichen Fachunterricht der genannten Fächer. Aus der Gemeinschaftskunde entwickelte sich langfristig das eigenständige Fach Politik mit Fachlehrern mit eigener Fakultas wie auch das übergreifende Prinzip der Politischen Bildung, das zunehmend auch von den Fächern Geschichte und Erdkunde wahrgenommen wurde. Das Fach Gk, wie die Schüler es nannten, hatte sich also aus dem Integrationsfach der sechziger Jahre entwickelt und war überwiegend von Historikern und Schulgeographen konzipiert worden.

Die an der Universität zu erwerbende Fakultas war: Wissenschaft von der Politik bzw. Sozialwissenschaften in anderen Bundesländern. In den neunziger Jahren wurde das Fach in Politik umbenannt. Das Konzept der Lernzielorientierung in den niedersächsischen Rahmenrichtlinien, das fächerübergreifende Gültigkeit beanspruchte, weist auf diese Veränderungen hin. Herr Buschmann war an diesen Entwicklungen über die Schule hinaus maßgeblich beteiligt. Herr Buschmann, ein bekennender Schlesier aus Breslau, war übrigens später, wie er mir einmal gestand und nachdem er um mein Polen-Engagement wusste, zu einem Polen-Fan geworden. Er hatte in der Schule sehr viel Literatur über Polen angeschafft.

In seiner Ära hat er ebenfalls die Schule geprägt und mitgestaltet. Charakteristisch für ihn war, dass er grundsätzlich und unverblümt seine Meinung äußerte, dieses auch und gerade dann, wenn sie Dritten gegenüber unbequem wirkte und von diesen gar nicht geteilt wurde. Ich erinnere mich, dass ihm einige (damals) jüngere Kolleginnen und Kollegen ganz mächtig in die Parade fuhren; so einmal Manfred B., Brigitta Z. und eine Referendarin, Karin B. Aber das störte ihn nicht. In seiner Ära nabelte sich das Fach Gk ab von der Geschichte, deren Vertreter (u.a. Dr. Kalthoff, Dr. Prilop und Herr Bonczek) in ihrer Methodik noch stark vom historiographischen Zugang zum Forschungs- wie Unterrichtsgegenstand geprägt waren.

Die Wandlung entsprach zugleich der Öffnung des Geschichtsunterrichts – parallel zu der Entwicklung in der universitären Geschichte – gegenüber sozial­wissenschaftlichen Methoden, was andererseits zur Folge hatte, dass historisch angelegte Themen (Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts; Weimarer Republik und NS-Zeit) im Fach Politik nicht mehr angeboten werden konnten – was der Vf. gern getan hätte.

An eine große Fachkonferenz erinnere ich mich gut. Sie war maßgebend und richtungsweisend für die folgenden Jahrzehnte: Anwesend waren u.a. Dr. Heidemann (Leiter der Kommission ‚B‘ und Fachleiter), Herr Buschmann (Fachberater); Herr Haase, damals zugleich Personalrat, war Fachobmann. Buschmann machte deutlich, dass im Fach »Gemeinschaftskunde« keine Interpretationsübungen stattfinden dürften, was auch im Fach »Geschichte« nicht mehr sein solle.

Inwieweit Konsequenzen erfolgten, ist nicht eindeutig zu sagen. Niemand konnte wesentlich über das hinausgehen, was er gelernt hatte. Auch Herr Buschmann nicht. Er hat aber loyal die Reformprinzipien mitgetragen. Es war eher der Generationswechsel, der sich bemerkbar machte. Die Fachgruppe Gk blieb wegen der Nichteinstellungen und den Noch-nicht-Pensionierungen eine lange Zeit personell unverändert.

Das letzte Mal – schon nach seiner Pensionierung – hörte man ihn in den hinteren Reihen der Aula raisonieren bei der Festrede zur 75-Jahrfeier. Sie wurde gehalten von einem ehemaligen Bismarckschüler, dem damals bekannten Bildungspolitiker Peter Glotz.

Gerhard Stünkel

Hallo, lieber Dr. Sievers!

Darf man Sie sechs Jahre nach Ihrem Tod so einfach grüßen? – Ich bin aus mehreren Gründen sicher: Dank steigt auch in schlichter Rhetorik nach oben, und dort müssen Sie sein, wenn überhaupt jemand! Ich muss Sie freundlich grüßen, weil ich in Polen ohne eine Nachricht von Ihrem Tod blieb und es so keinen Abschied gab. Dank steigt auch in einer schlichten Rhetorik nach oben. Und Ihr Prinzip war sowieso der Dialog:

Nun sind Dialoge bei uns Lehrern so eine Sache und oft nur euphemistisch kaschierte Monologe. Und wenn dieser sogenannte Dialog sogar schriftlich, öffentlich und zugleich auch noch ins Jenseits geführt wird...? Anderseits haben Sie nach über 28 Jahren als prägende Person an der Bismarckschule Anspruch auf mehr als bloße Erwähnung in der Festschrift. Sie waren von 54 an dort und haben mich 1970 für sogar 29 Jahre dorthin gebracht! Als Einbecker Assessor hatten Sie über Storm promoviert. Als Hannoverscher Studiendirektor promovierten Sie über Hamann. Danach hießen Sie Doktor-Doktor oder – unter leichter Anspielung auf Ihre stets wichtigen Dialoge zwischen den Türen und die anschließenden Hektik vor’m nächsten Termin – auch Harry-Harry. Ihre Beurlaubung 1970/71 ermöglichte mir als Ihrem ehemaligen Referendar und dann fachgleichen jungen Kollegen den Schritt in die Bismarckschule und das begehrte Hannover. In den 12 Jahren, die ich Sie dann als Kollegen erlebt habe, blieben Sie der, den wir schon als Fachausbilder kannten: eine kommunikative und vielseitige, sehr kluge und oft weise Autorität in Klassen- und Seminarräumen und im Lehrerzimmer. Die Autorität gründete in einer soliden Fachlichkeit in Ihren Studienfächern Germanistik, Geschichte, Theologie und Philosophie. Und was erfuhr man noch von altgedienten Kollegen an gewesenen Aktivitäten: Personalrat, Theaterarbeit, die damals Laienspiel hieß, und anderes. Dazu waren Sie bei mancher Streitbarkeit doch alltäglichen Querelen überlegen und haben der Gesamtkonferenz oft durch einen frischen Impuls über einen Clinch hinweggeholfen. Dass Sie als aufgeklärter und engagierter Christ darüber hinaus im kirchlichen Bereich gewirkt haben, wusste man. Ihre Liebe zum aktuellen pädagogischen Geschehen und der Philosophie veranlasste Sie, das Prüfungsfach im Rahmen der Oberstufenreforin zu etablieren.

Mit sehr jugendlichen 71 Jahren haben Sie die Schule erst verlassen! Sie blieben uns als engagierter Vervielfältiger Ihrer Vorträge und Materialien erhalten. Man traf Sie im Kopierraum. Und dann: nach der Schule geht man ja erst so richtig auf die Uni! Sie mussten ja z. B. einem Ihrer Söhne helfen in Südamerika als Pastor zu wirken. Da brauchten Sie einfach Spanisch! Und einem Theologen wie Ihnen passte es auch nicht, sich nachsagen zu lassen, er beherrsche kein Hebräisch. Also Seniorenuni in Göttingen mit atypischen Ambitionen. Nur die Dialoge, die waren ein Problem! Sie haben mir tief gekränkt anvertraut, es habe Professoren gegeben, die Sie in Seminaren um Zurückhaltung gebeten hätten. Aber es stimmt: Sie hatten viel zu sagen. Ich grüße Sie in Dankbarkeit.

Lothar Nettelmann

Erinnerungen an Erich Grün

Ein Kollege, der als Künstler und Kunstlehrender weit über den Bereich der Bismarckschule hinaus wirkte, war Erich Grün. Er lebt jetzt zurückgezogen, sich seiner Kunst widmend. In einer Broschüre würdigte der Ev. luth. Stadtkirchenverband sein Werk.[1] Erich Grüns Kunst, seine Hinwendung zu religiösen Themen und damit den Grundfragen menschlichen Daseins waren, sicherlich geprägt durch sein schweres Schicksal. Seine Frau kam mit den drei Kindern im Februar 1945 bei Cottbus durch Bomben ums Leben. Geboren wurde Erich Grün 1915 in einem Internierungslager in Sibirien. Seine deutsch-russische Familie konnte in den Wirren der Revolution zunächst ins Baltikum fliehen und dann nach Berlin gelangen. Den Krieg erlebte er zunächst als Soldat in Russland, dann in Italien. Aus britischer Gefangenschaft auf Malta konnte er, finanziert durch seine Kunst, entfliehen. Er gelangte über Italien zu seiner Schwester im Raum Hannover.

Wenn wir uns an frühere Kollegen erinnern: Wer war nach dem Krieg, nach Nazi-Zeit und anderen Wirrnissen der Geschichte nicht geprägt, belastet und traumatisiert? Für kaum jemanden hat es Therapie-Möglichkeiten gegeben. Über die Werkkunstschule kam Kollege Grün als Quereinsteiger in den Schuldienst. Eine Wiederaufnahme des Kunststudiums in München war nicht möglich gewesen. Bereits vor seiner Pensionierung 1981 hatte er mit den Arbeiten an den großen Zyklen: Altes Testament, Neues Testament und Kalevala, dem finnischen Nationalepos, begonnen. Später folgten Zyklen zur griechischen und keltischen Mythologie und zu Elia. Als Kollege und Pädagoge wurde Erich Grün aus der Sicht von Schülern und Kollegen gewürdigt. Die unwürdige Behandlung seitens der Administration sollte aber nicht verschwiegen werden.[2] Erinnerungen an den Kollegen Grün aus den siebziger Jahren: Mir fiel auf, dass er meistens lächelte. Ich habe nie erlebt, dass er aus der Haut fuhr. Er hatte eine feine Art, mit den Schülern umzugehen. Sicherlich verfügte er über das seltene pädagogische Naturtalent. Auf einem Kollegiumsausflug besuchten wir ihn in seinem Haus mit Atelier in Feuerschützenborstel bei Celle. Da wurde mir erst bewusst, was dieser Kollege geleistet hat.

Noch etwas: In einem Chemie-LK hatte ich einige hervorragende Experimentatoren, die am Abzug noch eine Reaktion ausprobieren wollten, die wir zuvor besprochen hatten. Sie stellten wohl etwas mehr als erlaubt von der Substanz her, die der Abzug als Gas in den Schornstein hinauf pustete. Die Rohre führten (vor dem Umbau 1982) aber an der Wand des Kunstraumes über uns entlang und waren etwas undicht. Plötzlich steckte Kollege Grün seinen Kopf durch die Tür und fragte, was bei uns los sei. Er hatte gerötete Augen, war uns aber nicht böse. Er lächelte und zeigte Verständnis für die Experimentierlust der Schüler und deren Freude an der Chemie. Die Schüler hatten Bromaceton hergestellt, ein Tränengas. Ich habe dieses niemals wieder erlaubt.

Wilfried Haase

Erinnerungen an Dr. Edgar Kalthoff

Im ersten oder zweiten Jahr meiner Tätigkeit als Lehrer an der Bismarckschule (so genau erinnere ich mich nicht mehr), also etwa um das Jahr 1970, ereignete sich am 27. Juni im Lehrerzimmer Merkwürdiges: Das Bismarckportrait über dem Mitteilungsbuch war durch ein – kleineres – Abbild Georgs V. von Hannover ersetzt, welches dazu mit Eichenlaub umkränzt war. In der ersten großen Pause erklang von einem Plattenspieler der Marsch von den lustigen Hannoveranern und es wurde mit hannöverschem Bier der Tag von Langensalza gefeiert, der Tag, an dem die hannoverschen Truppen im letzten der sogenannten Einigungskriege bei diesem Ort ein preußisches Kontingent besiegten, um dann allerdings zwei Tage später umzingelt und mangels Munition kapitulieren zu müssen. Initiiert waren diese Feiern – ich erlebte sie noch mehrere Male, wenn der Tag nicht schon in die Sommerferien fiel – von dem Kollegen Dr. Edgar Kalthoff, (Landes-) Historiker, Anglist und Germanist, um an das Ende des Königreichs Hannover zu erinnern, an dem der Namenspatron der Bismarckschule nicht geringen Anteil hatte.

Daraus jedoch zu schließen, Dr. Kalthoffs Trachten sei rückwärtsgewandt gewesen und er habe der Vergangenheit nachgetrauert, wäre ein Irrtum. Dafür war er – bei aller Bodenständigkeit – viel zu sehr Historiker. Seine Fähigkeit zu Analyse und klarem Urteil stellte er auch in zeitgeschichtlichen Fragen und selbst zur Tagespolitik unter Beweis. Wissenschaftlich blieb Dr. Kalthoff tätig in der Historischen Kommission für Niedersachsen, wo er einige Bände der Lebensbilder herausgab. Eine große Arbeit über die britische Flotte konnte er nicht vollenden.

Auch im Unterricht ließ Dr. Kalthoff sich bei allem Traditionsbewusstsein auf neue Wege ein. Ich erinnere mich an das große Projekt der Untersuchungen zur Feste Calenberg oder an einen Geschichtskurs, in dein er mit den Teilnehmern über die Geschichte des Osmanischen Reiches arbeitete. Nicht unerwähnt bleiben soll auch sein Bemühen um die Bismarckschule als UNESCO-Schule.

Schon aufgrund seines zweiten Fachs fand Dr. Kalthoff zu England eine enge Bindung. Über viele Jahre betreute er den Schüleraustausch zwischen den Partnerstädten Hannover und Bristol, fand in diesem Land auch persönliche Freunde. In diesen Bindungen ist wohl der Ursprung einer gehörigen Portion Nonkonformismus, sicher aber seines bewussten understatements im Auftreten zu suchen.

Dass eine Krankheit ihn 1990 zwang, aus dem Kollegium der Bismarckschule auszuscheiden, hat ihm zu schaffen gemacht. So ließ er, sobald es ihm wieder möglich war, es sich nicht nehmen, auf einer Charterfahrt über den Maschsee Abschied zu nehmen – natürlich mit hannöverschem Bier.

Gerhard Voigt

Erinnerungen an Hans-Albrecht Gütte

Er lebte für die Musik und wie viele Künstler konnte er Menschen nicht verstehen, die nicht ebenso wie er in einer musikalischen Welt aufgingen. Er litt an den Schülerinnen und Schülern, die in ihrer musikalischen Ignoranz die Musik als lästiges Nebenfach zur Entspannung mit Jux und Unfug, Unaufmerksamkeit und Quatscheritis missbrauchten. Er war eben Künstler, Musiker von ganzem Herzen, so dass in diesem großen Herzen wenig Platz für die Finessen der Pädagogik blieb.

So sind die Erinnerungen von Schülerinnen und Schülern ebenso wie die seinen Kolleginnen und Kollegen sehr widersprüchlich. Hier sollen aber nur die positiven Erinnerungen zu Wort kommen. Über seine Musikpraxis kann jeder ins Schwärmen kommen, der ihn auch bei schulischen Feiern am Jazz-Piano oder als engagierter Begleiter musikalischer Ensembles gehört hat, als er das Feuer seiner musikalischen Emotion mit der perfekten Fähigkeit der Instrumentbeherrschung zu verbinden wusste. Nach seiner Pensionierung — zu der er zu einem fulminanten Abschiedsfest für Freunde und Kollegen in die Insel beim Strandbad am Maschsee eingeladen hatte — konnte er diese Fähigkeit noch eine Zeit professionell und mit großem Erfolg ausleben als Bordpianist auf großen Kreuzfahrtschiffen, die ihn dann um die ganze Welt bis hin nach Alaska brachten. Hier kam dann seine zweite Profession, das heißt sein zweites Schulfach, das er kaum je praktisch ausüben konnte, da wir immer Mangel an Musiklehrern hatten, zum tragen: die Geographie. Als Erdkunde-Fachkollege berühren meine Erinnerungen daher auch vor allem diesen Teil von Hans Güttes Engagement. Eine erste Reminiszenz berührt seine Teilnahme an einer Studienfahrt mit einem Erdkunde-Leistungskurs nach Ungarn, einem sehr beliebten und fachlich ergiebigen Reiseziel, das wir seit den siebziger Jahren regelmäßig mit Kursen angesteuert haben. Wichtiger Aufenthaltsort war natürlich immer Budapest. Hier erinnere ich mich an lange Abende in Weingaststätten auf dem Burgberg in Buda, wo schon damals restaurierte mittelalterliche Wohnhäuser mit romantischen 'Durchgängen und Gewölben kleinen stimmungsvollen Gaststätten Platz boten. Wir saßen bei einer Flasche guten ungarischen Rotweines und haben über Gott und die Welt geredet und dabei viele Gemeinsamkeiten in unseren Anschauungen und Erwartungen entdeckt. Für mich gehören diese Stunden dank Hans Gütte zu den schönsten Erinnerungen aus meinen vielen Fahrten nach Ungarn.

Noch mehr Gewicht haben aber meine Erinnerungen an die gemeinsame Fahrt mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover 1985 in die Türkei, begleitet auch von der Kollegin Schulz. Es war die erste Fahrt mit einer Schülergruppe in das Land, das ich vorher nur im Rahmen meines Geographiestudiums kennen gelernt hatte. Hier hatten wir uns, noch etwas unsicher über die Reisemöglichkeiten, noch auf die Hotelangebote der Tourismusbüros der einzelnen Städte Istanbul, Ankara, Konya und İzmir verlassen. In Istanbul wurde uns ein Hotel auf der Galata-Seite nachgewiesen, das wir mit dem Flughafenbus nach Şişane zu erreichen suchten. Dann standen wir mi Gruppe und Stadtplan an einem Ort, der keine Ähnlichkeit mit dem Plan hatte. Nach einiger Zeit auf der Hauptstraße kam nun Hans Gütte auf die gute Idee, einmal nachzufragen Unversehens ging er in einen Teppichladen, zückte den Brief des Tourismusbüros und, dann auch mit Hilfe von Kollegin Schulz und mir, versuchten wir sichtlich mit Händen und Füßen klar zu machen, was wir eigentlich wollten.

Doch es folgte keine Wegebeschreibung, sondern ein Gang zum Telefon und die Aufforderung zu Warten. Wir Lehrer mussten eine aufgeregte und nach nächtlichem Flug übermüdete und mit schweren Koffern beladene Schülergruppe erst einmal beruhigen. Dann kam ein junger Mann mit Englischkenntnissen und forderte uns auf, ihm zu folgen. Wenige Minuten standen wir vor einem Hotel dem Yeni Istanbul (Neues Istanbul), das sichtlich nicht das gebuchte Hotel war. Etwas misstrauisch folgten wir unserem Begleiter zur Rezeption, die Zimmer wurden verteilt und den Schülerinnen und Schülern erst einmal ein paar Stunden Ruhe verschrieben. Bei dieser Operation war Hans Gütte mit der energischste und frischste, der die ganze Gruppe aufzumuntern verstand.

Das Hotel war nun sicher nicht gerade sehr Yeni, sondern sicher seine fünfzig Jahre alt, ein schmaler Wohnblock etwa vier Zimmer breit, mit sieben Etagen zwischen der Reihe anderer gleichartiger Häuser eingereiht (und dadurch am Hang gestützt??). Die mit Teppichläufern belegten Treppen knarrten, der kleine Aufzug schnaufte asthmatisch und zunächst war eben Gottvertrauen angesagt. Doch im Vergleich zu früher kennen gelernten Absteigen im Orient machte das Haus einen durchaus sauberen und einladenden, wenn auch etwas altväterlichen Eindruck.

Wie sind wir nun gerade hierhergekommen? Diese Frage und einige wilde Befürchtungen über Betrug und Schlimmeres machten in der Gruppe ihre Runde. Doch alle diese Gerüchte konnten am Abend ausgeräumt werden. Der junge Mann lud uns drei Lehrer am Abend „auf das Dach ein“. Dies war eine verglaste Dachterrasse mit einem idyllischen Blick über die am Hang etwas niedriger stehenden Häuser der anderen Straßenseite hinweg auf den weiter unten glitzernden Bosporus und dahinter die Altstadt mit ihren Minaretten und Moscheekuppeln, als Versprechen für die Abenteuer der nächsten Tage. Hans Gütte war begeistert von der Romantik des Sonnenuntergangs, der die Altstadt vor und in goldrote Farben tauchte.

Umgehend kam auch der Hotel Boy mit Gebäck, Nüssen und Salaten und vor allem Raki, dem Nationalgetränk der Türkei. Und es blieb an diesem langen Abend und der großzügigen Einladung nicht bei dem einmaligen Besuch des Hotelboys und nicht bei der einzigen Rakı-Flasche. Unser Gastgeber stellte sich als der Hotelbesitzer vor und erklärte uns, dass ihm auch das andere Hotel gehörte, in dem wir eigentlich eingebucht waren, dass er aber nach dem „Brand-Anruf“ beschloss, uns in das »Yeni Istanbul« zu verlegen, um uns einen längeren Fußmarsch mit unseren Koffern zu ersparen. Für Hans Gütte und die Kollegin Ulrike Schulz war dieser Abend dann auch die Gelegenheit, eine Vielzahl von Fragen über die Türkei zu stellen und sich in die türkischen Gegebenheiten erstmalig einzuleben. Das war für unsere weitere Reise sehr wichtig, die wir mit Linienbussen zwischen den Städten durchführten, was uns vom vorherigen Ticketkauf am jeweiligen Otogar und dem notwendigen Transfer zu den gebuchten Hotels einiges an Mühe und Aufregung abverlangte. Hier war es ein Segen, Hans Gütte dabei zu haben, der echtes Engagement mit nie endendem Interesse an dem Neuen des Landes und der besuchten Orte verbinden konnte.

Der Abend auf der Dachterrasse endete dann doch etwas humoristisch, da die Rakı-Kapazitäten bei uns etwas unterschiedlich waren — oder auch die einverleibte Menge? —, so dass nach der Verabschiedung von unserem Gastgeber mit den landesüblichen Umarmungen und Höflichkeitsritualen voller Dank und Freundschaft eine etwas wacklige Karawane die enge Holztreppe zum darunter liegenden Geschoss, in dem sich, Gott sei Dank, das Zimmer von Gütte und mir befand, heruntertorkelte, mit mir voran, auf der einen Schulter schwer Arm und Schulter von Hans Gütte und dahinter Ulrike Schulz, die unseren nicht mehr ganz klaren Freund von der anderen Seite stützte, damit er sich nicht auf seine eigenen Beine verlassen musste...

Aber der nächste erlebnisreiche Tag in Istanbul und der erste Besuch in der Istanbul Lisesi, die dann unsere Partnerschule werden sollte, war ein Highlight, das jeden Kater vertrieb... Von der weiteren Reise haben wir in einem Berichtheft unsere Erlebnisse zusammengestellt, das im Rahmen des UNESCO-Modellschulprogrammes der Bismarckschule Hannover erschienen ist, und an dessen Zustandekommen Hans Gütte wesentlichen Anteil hatte.[3] Leider hat sich dann bis zu seiner Pensionierung kein weiterer Anlass zu einer gemeinsamen großen Reise ergeben, doch an der großen Orientreise mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover 1987 —einer Fahrt mit vier VW-Bussen durch die Türkei, durch Syrien, Jordanien und Ägypten und schließlich Israel, was ein letzter günstiger historischer Moment vor dem Ausbruch der Intifada (und am Rande bemerkt für unsere Fahrt durch Jugoslawien: auch gerade noch vor den jugoslawischen Sezessionskriegen) gewesen ist – nahm Hans Gütte rege Anteil und stellte uns einen fachlich und literarisch bedeutsamen Artikel für unser Abschlussbuch über die mystische Musik des Ordens der tanzenden Derwische in Konya, dessen Spiritualität uns schon bei der Türkei-Reise tief berührt hatte, zur Verfügung, der auch heute noch in der Internet-Ausgabe dieses Berichtes zu lesen ist.[4] Hier trifft sich nun Hans Güttes Leben, in der Musik mit seinem unerschöpflichen Interesse an der Welt, das mehr ist, als nur fachlich geographisches Interesse. In der Mystik des Mêvlâna in Konya trifft sich mehr, als nur Islam und mystische Gottesliebe, die Liebe zum Menschen erfüllt sich hier in der mystischen Musik und im Tanz.

Ein Reisender traf Madjnun:

Allein saß er in der Mitte der Wüste.

Er nutzte die ebene Fläche des Sandes

als ein Blatt Papier

und seine Finger als Feder:

Er schrieb den Namen seiner Geliebten Leyli

wieder und wieder in den Sand.

Da sprach der Reisende:

0 verrückter Madjnun!

Was tust du da?

Wenn du einen Brief schreibst,

wer wird ihn je erhalten?

Und Madjnun antwortete:

Ich lebe den Namen von Leyli ‑

wenn ich sie selbst nicht erreiche

zur liebenden Vereinigung,

so gebe ich meine Liebe ihrem Namen![5]

Leider ist seither viel Zeit vergangen, vieles an Hoffnungen und Träumen, die wir auf dem Burgberg in Buda und an langen türkischen Abenden ausgetauscht haben, ist nicht Realität geworden. Doch Hans Gütte hat sich einen Traum nach seiner Pensionierung, finanziert durch seine Bordengagements, erfüllen können: die Reise in die Antarktis auf den Spuren von Shackleton, den er schon immer bewundert hat. Doch darüber müsste er selbst erzählen, Berichte aus zweiter Hand taugen hier nicht viel.

Vielleicht ist es aber doch sinnvoll, die Erinnerungen mit einigen Zeilen des großen persischen Dichters und Mystikers Hafez abzuschließen, zwischen Trauer über die Kürze der Zeit und Hoffnung auf die Erfüllung der Liebe (und ich hoffe, Leser und Übersetzer dieser beeindruckenden deutschen Fassung haben nichts dagegen, wenn ich das Gedicht vollständig zitiere und ohne Kommentar als Résumé Hans Gütte widme:

Die Ernte in der Werkstatt des Daseins

ist nicht sehr ergiebig,

bring Wein herbei, denn mit dem Werkzeug

dieser Welt ist's nicht weit her!

Seele und Herz verlangen

nach Freundeswort,

dessen bedürfen wir, sonst wäre es

um Herz und Seel 'nicht allzu gut bestellt!

Verpflichte dich der Zeder nicht, der Tuba

um ihres Schattens willen,

denn wenn du's recht bedenkst, freie Zypresse,

ist's damit nicht weit her!

Es fällt das Glück uns ohne Mühe zu,

wenn nicht, mit Aufwand und Bestreben wäre

es um den Wonnegarten nicht zu gut bestellt!

Fünf Tage misst die Frist, die uns hienieden ist gewährt, ‑

nutz frohgemut die Zeit,

denn mit der Zeit ist's nicht weit her!

Wir harren, o Saghi, am Strande

des Meeres der Vergänglichkeit:

gib Stundung uns, denn sieh, von Mund zu Mund

ist ja der Weg nicht weit!

Scheinheiligen vor des Rausches Launen

wähne dich nicht gefeit,

vom Kloster bis zum Weinhaus

ist auch der Weg nicht weit!

Den Gram und meine Bitternis

will ich für mich behalten,

doch eure öffentliche Anteilnahme

ist mir durchaus entbehrlich!

Des Hafis Name wurde mit der Chiffre

der Güte ausgezeichnet.

Es gilt vor Wissenden

Verlust und selbst Gewinn nicht viel.[6] 

Meine Erinnerungen an die gemeinsamen Unternehmungen mit Hans Gütte schließen hier zwar, doch verlangt die Gegenwart noch einen traurigen Satz zum Abschluss. Wie mir die Frau von Hans Gütte, Hella Gütte, schrieb, hat sich die altersbedingte Erkrankung unseres Kollegen leider in den letzten beiden Jahren so verschlimmert, dass er wegen vollständiger Orientierungs- und Hilflosigkeit nicht mehr zuhause bleiben konnte, sondern jetzt in einem Diakonie-Pflegeheim untergebracht ist. Es fällt schwer, ein Schicksal zu akzeptieren, dass diesem weltoffenen, phantasievollen und der Kunst ergebenen Menschen gegen Ende seines Weges nach und nach die Fähigkeiten der Kommunikation und sogar des Klavierspielens nimmt, und nur noch die Hoffnung besteht, dass Erinnerungen an ein reiches Leben und an die erfahrene Freundschaft in irgend einer Weise doch noch innerer Teil dieser Persönlichkeit geblieben sind. Unsere guten Gedanken begleiten Hans Gütte ebenso wie seine Frau, die ihm jetzt täglicher Halt und Zentrum sein wird.

 

Marktstand in der Neuen Markthalle in Konya

Anmerkungen

[1]              Erich Grün, Mythos und Farbe. Redaktion: Dr. Ingeborg Bloth u.a.; Hannover 2005.

[2]              Die Informationen sind der o. g. Broschüre entnommen. An dieser waren u.a. unsere früheren Kollegen Dr. Ingeborg Bloth und Gerhard Stünkel beteiligt sowie der ehemalige Schüler Peter von Drathen

[3]              G. Voigt, cd.: Türkei '85. Eine Studienfahrt mit Schülern der Bismarckschule Hannover (25.10.-10.11.1985). Als Manuskript veröffentlicht. Dezember 1985 (120 Ex., vergriffen). Internetausgabe: http://www.tuerkei-didaktik. de/Tuerkei/Tuerkei85/TR85_Reisebericht.htm

[4]              http://www.unesco-club-hannover.de/NaherOsten/ne_mus.htm - Hans Gütte: „Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“. „Sama“ als Nahrung für die Seele. Einige Anmerkungen zur Musik im Islam.

[5]              Rümi: Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha. Aus: Persian Love Songs and Mystic Chants (LP). Tangent TNGS 108.

[6]              Hafis (1320-1389 u.Z.), Aus den Liebesgedichten. Übertragen von Cyrus Atabay. Hamburg 1965 (Hoffmann und Campe), 34

Inhalt

Lothar Nettelmann: Erinnerungen an Bernhard Buschmann
Gerhard Stünkel:
Hallo, lieber Dr. Sievers!
Lothar Nettelmann:
Erinnerungen an Erich Grün
Wilfried Haase:
Erinnerungen an Dr. Edgar Kalthoff
Gerhard Voigt:
Erinnerungen an Hans-Albrecht Gütte
Anmerkungen

 
 

 

 
 

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