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Lothar
Nettelmann
Erinnerungen an Bernhard
Buschmann
Bernhard Buschmann [Latein/Geschichte] war nach .13
einjähriger Tätigkeit im Kultusministerium an die Bismarckschule
zurückgekehrt. Er wurde zum Fachberater für Gemeinschaftskunde ernannt. Die
Vorstellung eines Integrationsfaches Gemeinschaftskunde geht auf die
Saarbrücker Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz zurück. Die
anfängliche Idee, Erdkunde und Geschichte völlig in diesem Unterrichtsfach
aufgehen zu lassen, ließ sich bildungspolitisch und gegen den Widerstand der
betroffenen Fachverbände und den von ihnen vertretenen Kolleginnen und
Kollegen nicht vollständig realisieren.
So kam es zu einer zehnjährigen Zweigleisigkeit von
einem Pflichtfach Gemeinschaftskunde, das zuerst von Geschichts- und
Erdkundelehrern – z.T. nach entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen –
unterrichtet wurde, und einem zusätzlichen Fachunterricht der genannten
Fächer. Aus der Gemeinschaftskunde entwickelte sich langfristig das
eigenständige Fach Politik mit Fachlehrern mit eigener Fakultas wie
auch das übergreifende Prinzip der Politischen Bildung, das zunehmend
auch von den Fächern Geschichte und Erdkunde wahrgenommen
wurde. Das Fach Gk, wie die Schüler es nannten, hatte sich also aus
dem Integrationsfach der sechziger Jahre entwickelt und war überwiegend von
Historikern und Schulgeographen konzipiert worden.
Die an der Universität zu erwerbende Fakultas war:
Wissenschaft von der Politik bzw. Sozialwissenschaften in anderen
Bundesländern. In den neunziger Jahren wurde das Fach in Politik
umbenannt. Das Konzept der Lernzielorientierung in den niedersächsischen
Rahmenrichtlinien, das fächerübergreifende Gültigkeit beanspruchte, weist
auf diese Veränderungen hin. Herr Buschmann war an diesen Entwicklungen über
die Schule hinaus maßgeblich beteiligt. Herr Buschmann, ein bekennender
Schlesier aus Breslau, war übrigens später, wie er mir einmal gestand und
nachdem er um mein Polen-Engagement wusste, zu einem Polen-Fan
geworden. Er hatte in der Schule sehr viel Literatur über Polen angeschafft.
In seiner Ära hat er ebenfalls die Schule geprägt und
mitgestaltet. Charakteristisch für ihn war, dass er grundsätzlich und
unverblümt seine Meinung äußerte, dieses auch und gerade dann, wenn sie
Dritten gegenüber unbequem wirkte und von diesen gar nicht geteilt wurde.
Ich erinnere mich, dass ihm einige (damals) jüngere Kolleginnen und Kollegen
ganz mächtig in die Parade fuhren; so einmal Manfred B., Brigitta Z. und
eine Referendarin, Karin B. Aber das störte ihn nicht. In seiner Ära nabelte
sich das Fach Gk ab von der Geschichte, deren Vertreter (u.a.
Dr. Kalthoff, Dr. Prilop und Herr Bonczek) in ihrer Methodik noch stark vom
historiographischen Zugang zum Forschungs- wie Unterrichtsgegenstand geprägt
waren.
Die Wandlung entsprach zugleich der Öffnung des
Geschichtsunterrichts – parallel zu der Entwicklung in der universitären
Geschichte – gegenüber sozialwissenschaftlichen Methoden, was andererseits
zur Folge hatte, dass historisch angelegte Themen (Sozialgeschichte des
19. Jahrhunderts; Weimarer Republik und NS-Zeit) im Fach Politik
nicht mehr angeboten werden konnten – was der Vf. gern getan hätte.
An eine große Fachkonferenz erinnere ich mich gut. Sie
war maßgebend und richtungsweisend für die folgenden Jahrzehnte: Anwesend
waren u.a. Dr. Heidemann (Leiter der Kommission ‚B‘ und Fachleiter), Herr
Buschmann (Fachberater); Herr Haase, damals zugleich Personalrat, war
Fachobmann. Buschmann machte deutlich, dass im Fach »Gemeinschaftskunde«
keine Interpretationsübungen stattfinden dürften, was auch im Fach
»Geschichte« nicht mehr sein solle.
Inwieweit Konsequenzen erfolgten, ist nicht eindeutig
zu sagen. Niemand konnte wesentlich über das hinausgehen, was er gelernt
hatte. Auch Herr Buschmann nicht. Er hat aber loyal die Reformprinzipien
mitgetragen. Es war eher der Generationswechsel, der sich bemerkbar machte.
Die Fachgruppe Gk blieb wegen der Nichteinstellungen und den
Noch-nicht-Pensionierungen eine lange Zeit personell unverändert.
Das letzte Mal – schon nach seiner Pensionierung –
hörte man ihn in den hinteren Reihen der Aula raisonieren bei der Festrede
zur 75-Jahrfeier. Sie wurde gehalten von einem ehemaligen Bismarckschüler,
dem damals bekannten Bildungspolitiker Peter Glotz.
Gerhard Stünkel
Hallo, lieber Dr. Sievers!
Darf man Sie sechs Jahre nach Ihrem Tod so einfach
grüßen? – Ich bin aus mehreren Gründen sicher: Dank steigt auch in
schlichter Rhetorik nach oben, und dort müssen Sie sein, wenn überhaupt
jemand! Ich muss Sie freundlich grüßen, weil ich in Polen ohne eine
Nachricht von Ihrem Tod blieb und es so keinen Abschied gab. Dank steigt
auch in einer schlichten Rhetorik nach oben. Und Ihr Prinzip war sowieso der
Dialog:
Nun sind Dialoge bei uns Lehrern so eine Sache und oft
nur euphemistisch kaschierte Monologe. Und wenn dieser sogenannte Dialog
sogar schriftlich, öffentlich und zugleich auch noch ins Jenseits geführt
wird...? Anderseits haben Sie nach über 28 Jahren als prägende Person an der
Bismarckschule Anspruch auf mehr als bloße Erwähnung in der Festschrift. Sie
waren von 54 an dort und haben mich 1970 für sogar 29 Jahre dorthin
gebracht! Als Einbecker Assessor hatten Sie über Storm promoviert. Als
Hannoverscher Studiendirektor promovierten Sie über Hamann. Danach hießen
Sie Doktor-Doktor oder – unter leichter Anspielung auf Ihre stets
wichtigen Dialoge zwischen den Türen und die anschließenden Hektik vor’m
nächsten Termin – auch Harry-Harry. Ihre Beurlaubung 1970/71
ermöglichte mir als Ihrem ehemaligen Referendar und dann fachgleichen jungen
Kollegen den Schritt in die Bismarckschule und das begehrte Hannover. In den
12 Jahren, die ich Sie dann als Kollegen erlebt habe, blieben Sie der, den
wir schon als Fachausbilder kannten: eine kommunikative und vielseitige,
sehr kluge und oft weise Autorität in Klassen- und Seminarräumen und im
Lehrerzimmer. Die Autorität gründete in einer soliden Fachlichkeit in Ihren
Studienfächern Germanistik, Geschichte, Theologie und Philosophie. Und was
erfuhr man noch von altgedienten Kollegen an gewesenen Aktivitäten:
Personalrat, Theaterarbeit, die damals Laienspiel hieß, und anderes. Dazu
waren Sie bei mancher Streitbarkeit doch alltäglichen Querelen überlegen und
haben der Gesamtkonferenz oft durch einen frischen Impuls über einen Clinch
hinweggeholfen. Dass Sie als aufgeklärter und engagierter Christ darüber
hinaus im kirchlichen Bereich gewirkt haben, wusste man. Ihre Liebe zum
aktuellen pädagogischen Geschehen und der Philosophie veranlasste Sie, das
Prüfungsfach im Rahmen der Oberstufenreforin zu etablieren.
Mit sehr jugendlichen 71 Jahren haben Sie die Schule
erst verlassen! Sie blieben uns als engagierter Vervielfältiger Ihrer
Vorträge und Materialien erhalten. Man traf Sie im Kopierraum. Und dann:
nach der Schule geht man ja erst so richtig auf die Uni! Sie mussten ja z.
B. einem Ihrer Söhne helfen in Südamerika als Pastor zu wirken. Da brauchten
Sie einfach Spanisch! Und einem Theologen wie Ihnen passte es auch nicht,
sich nachsagen zu lassen, er beherrsche kein Hebräisch. Also Seniorenuni in
Göttingen mit atypischen Ambitionen. Nur die Dialoge, die waren ein Problem!
Sie haben mir tief gekränkt anvertraut, es habe Professoren gegeben, die Sie
in Seminaren um Zurückhaltung gebeten hätten. Aber es stimmt: Sie hatten
viel zu sagen. Ich grüße Sie in Dankbarkeit.



Lothar Nettelmann
Erinnerungen an Erich Grün
Ein Kollege, der als Künstler und Kunstlehrender weit
über den Bereich der Bismarckschule hinaus wirkte, war Erich Grün. Er lebt
jetzt zurückgezogen, sich seiner Kunst widmend. In einer Broschüre würdigte
der Ev. luth. Stadtkirchenverband sein Werk.
Erich Grüns Kunst, seine Hinwendung zu religiösen Themen und damit den
Grundfragen menschlichen Daseins waren, sicherlich geprägt durch sein
schweres Schicksal. Seine Frau kam mit den drei Kindern im Februar 1945 bei
Cottbus durch Bomben ums Leben. Geboren wurde Erich Grün 1915 in einem
Internierungslager in Sibirien. Seine deutsch-russische Familie konnte in
den Wirren der Revolution zunächst ins Baltikum fliehen und dann nach Berlin
gelangen. Den Krieg erlebte er zunächst als Soldat in Russland, dann in
Italien. Aus britischer Gefangenschaft auf Malta konnte er, finanziert durch
seine Kunst, entfliehen. Er gelangte über Italien zu seiner Schwester im
Raum Hannover.
Wenn wir uns an frühere Kollegen erinnern: Wer war nach
dem Krieg, nach Nazi-Zeit und anderen Wirrnissen der Geschichte nicht
geprägt, belastet und traumatisiert? Für kaum jemanden hat es
Therapie-Möglichkeiten gegeben. Über die Werkkunstschule kam Kollege Grün
als Quereinsteiger in den Schuldienst. Eine Wiederaufnahme des
Kunststudiums in München war nicht möglich gewesen. Bereits vor seiner
Pensionierung 1981 hatte er mit den Arbeiten an den großen Zyklen: Altes
Testament, Neues Testament und Kalevala, dem finnischen
Nationalepos, begonnen. Später folgten Zyklen zur griechischen und
keltischen Mythologie und zu Elia. Als Kollege und Pädagoge wurde
Erich Grün aus der Sicht von Schülern und Kollegen gewürdigt. Die unwürdige
Behandlung seitens der Administration sollte aber nicht verschwiegen werden.
Erinnerungen an den Kollegen Grün aus den siebziger Jahren: Mir fiel auf,
dass er meistens lächelte. Ich habe nie erlebt, dass er aus der Haut
fuhr. Er hatte eine feine Art, mit den Schülern umzugehen. Sicherlich
verfügte er über das seltene pädagogische Naturtalent. Auf einem
Kollegiumsausflug besuchten wir ihn in seinem Haus mit Atelier in
Feuerschützenborstel bei Celle. Da wurde mir erst bewusst, was dieser
Kollege geleistet hat.
Noch etwas: In einem Chemie-LK hatte ich einige
hervorragende Experimentatoren, die am Abzug noch eine Reaktion ausprobieren
wollten, die wir zuvor besprochen hatten. Sie stellten wohl etwas mehr als
erlaubt von der Substanz her, die der Abzug als Gas in den Schornstein
hinauf pustete. Die Rohre führten (vor dem Umbau 1982) aber an der Wand des
Kunstraumes über uns entlang und waren etwas undicht. Plötzlich steckte
Kollege Grün seinen Kopf durch die Tür und fragte, was bei uns los sei. Er
hatte gerötete Augen, war uns aber nicht böse. Er lächelte und zeigte
Verständnis für die Experimentierlust der Schüler und deren Freude an der
Chemie. Die Schüler hatten Bromaceton hergestellt, ein Tränengas. Ich habe
dieses niemals wieder erlaubt.
Wilfried Haase
Erinnerungen an Dr. Edgar
Kalthoff
Im ersten oder zweiten Jahr meiner Tätigkeit als Lehrer
an der Bismarckschule (so genau erinnere ich mich nicht mehr), also etwa um
das Jahr 1970, ereignete sich am 27. Juni im Lehrerzimmer Merkwürdiges: Das
Bismarckportrait über dem Mitteilungsbuch war durch ein – kleineres – Abbild
Georgs V. von Hannover ersetzt, welches dazu mit Eichenlaub umkränzt war. In
der ersten großen Pause erklang von einem Plattenspieler der Marsch von den
lustigen Hannoveranern und es wurde mit hannöverschem Bier der Tag von
Langensalza gefeiert, der Tag, an dem die hannoverschen Truppen im letzten
der sogenannten Einigungskriege bei diesem Ort ein preußisches Kontingent
besiegten, um dann allerdings zwei Tage später umzingelt und mangels
Munition kapitulieren zu müssen. Initiiert waren diese Feiern – ich
erlebte sie noch mehrere Male, wenn der Tag nicht schon in die Sommerferien
fiel – von dem Kollegen Dr. Edgar Kalthoff, (Landes-) Historiker, Anglist
und Germanist, um an das Ende des Königreichs Hannover zu erinnern, an dem
der Namenspatron der Bismarckschule nicht geringen Anteil hatte.
Daraus jedoch zu schließen, Dr. Kalthoffs Trachten sei
rückwärtsgewandt gewesen und er habe der Vergangenheit nachgetrauert, wäre
ein Irrtum. Dafür war er – bei aller Bodenständigkeit – viel zu sehr
Historiker. Seine Fähigkeit zu Analyse und klarem Urteil stellte er auch in
zeitgeschichtlichen Fragen und selbst zur Tagespolitik unter Beweis.
Wissenschaftlich blieb Dr. Kalthoff tätig in der Historischen Kommission für
Niedersachsen, wo er einige Bände der Lebensbilder herausgab. Eine
große Arbeit über die britische Flotte konnte er nicht vollenden.
Auch im Unterricht ließ Dr. Kalthoff sich bei allem
Traditionsbewusstsein auf neue Wege ein. Ich erinnere mich an das große
Projekt der Untersuchungen zur Feste Calenberg oder an einen Geschichtskurs,
in dein er mit den Teilnehmern über die Geschichte des Osmanischen Reiches
arbeitete. Nicht unerwähnt bleiben soll auch sein Bemühen um die
Bismarckschule als UNESCO-Schule.
Schon aufgrund seines zweiten Fachs fand Dr. Kalthoff
zu England eine enge Bindung. Über viele Jahre betreute er den
Schüleraustausch zwischen den Partnerstädten Hannover und Bristol, fand in
diesem Land auch persönliche Freunde. In diesen Bindungen ist wohl der
Ursprung einer gehörigen Portion Nonkonformismus, sicher aber seines
bewussten understatements im Auftreten zu suchen.
Dass eine Krankheit ihn 1990 zwang, aus dem Kollegium
der Bismarckschule auszuscheiden, hat ihm zu schaffen gemacht. So ließ er,
sobald es ihm wieder möglich war, es sich nicht nehmen, auf einer
Charterfahrt über den Maschsee Abschied zu nehmen – natürlich mit
hannöverschem Bier.
Gerhard Voigt
Erinnerungen an
Hans-Albrecht Gütte
Er lebte für die Musik und wie viele Künstler konnte er
Menschen nicht verstehen, die nicht ebenso wie er in einer musikalischen
Welt aufgingen. Er litt an den Schülerinnen und Schülern, die in ihrer
musikalischen Ignoranz die Musik als lästiges Nebenfach zur Entspannung
mit Jux und Unfug, Unaufmerksamkeit und Quatscheritis missbrauchten. Er war
eben Künstler, Musiker von ganzem Herzen, so dass in diesem großen Herzen
wenig Platz für die Finessen der Pädagogik blieb.
So sind die Erinnerungen von Schülerinnen und Schülern
ebenso wie die seinen Kolleginnen und Kollegen sehr widersprüchlich. Hier
sollen aber nur die positiven Erinnerungen zu Wort kommen. Über seine
Musikpraxis kann jeder ins Schwärmen kommen, der ihn auch bei schulischen
Feiern am Jazz-Piano oder als engagierter Begleiter musikalischer Ensembles
gehört hat, als er das Feuer seiner musikalischen Emotion mit der perfekten
Fähigkeit der Instrumentbeherrschung zu verbinden wusste. Nach seiner
Pensionierung — zu der er zu einem fulminanten Abschiedsfest für Freunde und
Kollegen in die Insel beim Strandbad am Maschsee eingeladen hatte —
konnte er diese Fähigkeit noch eine Zeit professionell und mit großem Erfolg
ausleben als Bordpianist auf großen Kreuzfahrtschiffen, die ihn dann um die
ganze Welt bis hin nach Alaska brachten. Hier kam dann seine zweite
Profession, das heißt sein zweites Schulfach, das er kaum je praktisch
ausüben konnte, da wir immer Mangel an Musiklehrern hatten, zum tragen: die
Geographie. Als Erdkunde-Fachkollege berühren meine Erinnerungen daher auch
vor allem diesen Teil von Hans Güttes Engagement. Eine erste Reminiszenz
berührt seine Teilnahme an einer Studienfahrt mit einem
Erdkunde-Leistungskurs nach Ungarn, einem sehr beliebten und fachlich
ergiebigen Reiseziel, das wir seit den siebziger Jahren regelmäßig mit
Kursen angesteuert haben. Wichtiger Aufenthaltsort war natürlich immer
Budapest. Hier erinnere ich mich an lange Abende in Weingaststätten auf dem
Burgberg in Buda, wo schon damals restaurierte mittelalterliche Wohnhäuser
mit romantischen 'Durchgängen und Gewölben kleinen stimmungsvollen
Gaststätten Platz boten. Wir saßen bei einer Flasche guten ungarischen
Rotweines und haben über Gott und die Welt geredet und dabei viele
Gemeinsamkeiten in unseren Anschauungen und Erwartungen entdeckt. Für mich
gehören diese Stunden dank Hans Gütte zu den schönsten Erinnerungen aus
meinen vielen Fahrten nach Ungarn.
Noch mehr Gewicht haben aber meine Erinnerungen an die
gemeinsame Fahrt mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern der
Bismarckschule Hannover 1985 in die Türkei, begleitet auch von der Kollegin
Schulz. Es war die erste Fahrt mit einer Schülergruppe in das Land, das ich
vorher nur im Rahmen meines Geographiestudiums kennen gelernt hatte. Hier
hatten wir uns, noch etwas unsicher über die Reisemöglichkeiten, noch auf
die Hotelangebote der Tourismusbüros der einzelnen Städte Istanbul, Ankara,
Konya und İzmir verlassen. In Istanbul wurde uns ein Hotel auf der
Galata-Seite nachgewiesen, das wir mit dem Flughafenbus nach Şişane zu
erreichen suchten. Dann standen wir mi Gruppe und Stadtplan an einem Ort,
der keine Ähnlichkeit mit dem Plan hatte. Nach einiger Zeit auf der
Hauptstraße kam nun Hans Gütte auf die gute Idee, einmal nachzufragen
Unversehens ging er in einen Teppichladen, zückte den Brief des
Tourismusbüros und, dann auch mit Hilfe von Kollegin Schulz und mir,
versuchten wir sichtlich mit Händen und Füßen klar zu machen, was wir
eigentlich wollten.
Doch es folgte keine Wegebeschreibung, sondern ein Gang
zum Telefon und die Aufforderung zu Warten. Wir Lehrer mussten eine
aufgeregte und nach nächtlichem Flug übermüdete und mit schweren Koffern
beladene Schülergruppe erst einmal beruhigen. Dann kam ein junger Mann mit
Englischkenntnissen und forderte uns auf, ihm zu folgen. Wenige Minuten
standen wir vor einem Hotel dem Yeni Istanbul (Neues Istanbul), das
sichtlich nicht das gebuchte Hotel war. Etwas misstrauisch folgten wir
unserem Begleiter zur Rezeption, die Zimmer wurden verteilt und den
Schülerinnen und Schülern erst einmal ein paar Stunden Ruhe verschrieben.
Bei dieser Operation war Hans Gütte mit der energischste und frischste, der
die ganze Gruppe aufzumuntern verstand.
Das Hotel war nun sicher nicht gerade sehr Yeni,
sondern sicher seine fünfzig Jahre alt, ein schmaler Wohnblock etwa vier
Zimmer breit, mit sieben Etagen zwischen der Reihe anderer gleichartiger
Häuser eingereiht (und dadurch am Hang gestützt??). Die mit Teppichläufern
belegten Treppen knarrten, der kleine Aufzug schnaufte asthmatisch und
zunächst war eben Gottvertrauen angesagt. Doch im Vergleich zu früher kennen
gelernten Absteigen im Orient machte das Haus einen durchaus sauberen und
einladenden, wenn auch etwas altväterlichen Eindruck.
Wie sind wir nun gerade hierhergekommen? Diese Frage
und einige wilde Befürchtungen über Betrug und Schlimmeres machten in der
Gruppe ihre Runde. Doch alle diese Gerüchte konnten am Abend ausgeräumt
werden. Der junge Mann lud uns drei Lehrer am Abend „auf das Dach ein“. Dies
war eine verglaste Dachterrasse mit einem idyllischen Blick über die am Hang
etwas niedriger stehenden Häuser der anderen Straßenseite hinweg auf den
weiter unten glitzernden Bosporus und dahinter die Altstadt mit ihren
Minaretten und Moscheekuppeln, als Versprechen für die Abenteuer der
nächsten Tage. Hans Gütte war begeistert von der Romantik des
Sonnenuntergangs, der die Altstadt vor und in goldrote Farben tauchte.
Umgehend kam auch der Hotel Boy mit Gebäck, Nüssen und
Salaten und vor allem Raki, dem Nationalgetränk der Türkei. Und es blieb an
diesem langen Abend und der großzügigen Einladung nicht bei dem einmaligen
Besuch des Hotelboys und nicht bei der einzigen Rakı-Flasche. Unser
Gastgeber stellte sich als der Hotelbesitzer vor und erklärte uns, dass ihm
auch das andere Hotel gehörte, in dem wir eigentlich eingebucht waren, dass
er aber nach dem „Brand-Anruf“ beschloss, uns in das »Yeni Istanbul« zu
verlegen, um uns einen längeren Fußmarsch mit unseren Koffern zu ersparen.
Für Hans Gütte und die Kollegin Ulrike Schulz war dieser Abend dann auch die
Gelegenheit, eine Vielzahl von Fragen über die Türkei zu stellen und sich in
die türkischen Gegebenheiten erstmalig einzuleben. Das war für unsere
weitere Reise sehr wichtig, die wir mit Linienbussen zwischen den Städten
durchführten, was uns vom vorherigen Ticketkauf am jeweiligen Otogar
und dem notwendigen Transfer zu den gebuchten Hotels einiges an Mühe und
Aufregung abverlangte. Hier war es ein Segen, Hans Gütte dabei zu haben, der
echtes Engagement mit nie endendem Interesse an dem Neuen des Landes und der
besuchten Orte verbinden konnte.
Der Abend auf der Dachterrasse endete dann doch etwas
humoristisch, da die Rakı-Kapazitäten bei uns etwas unterschiedlich waren —
oder auch die einverleibte Menge? —, so dass nach der Verabschiedung von
unserem Gastgeber mit den landesüblichen Umarmungen und Höflichkeitsritualen
voller Dank und Freundschaft eine etwas wacklige Karawane die enge
Holztreppe zum darunter liegenden Geschoss, in dem sich, Gott sei Dank,
das Zimmer von Gütte und mir befand, heruntertorkelte, mit mir voran,
auf der einen Schulter schwer Arm und Schulter von Hans Gütte und dahinter
Ulrike Schulz, die unseren nicht mehr ganz klaren Freund von der anderen
Seite stützte, damit er sich nicht auf seine eigenen Beine verlassen
musste...
Aber der nächste erlebnisreiche Tag in Istanbul und der
erste Besuch in der Istanbul Lisesi, die dann unsere Partnerschule werden
sollte, war ein Highlight, das jeden Kater vertrieb... Von der weiteren
Reise haben wir in einem Berichtheft unsere Erlebnisse zusammengestellt, das
im Rahmen des UNESCO-Modellschulprogrammes der Bismarckschule Hannover
erschienen ist, und an dessen Zustandekommen Hans Gütte wesentlichen Anteil
hatte.
Leider hat sich dann bis zu seiner Pensionierung kein weiterer Anlass zu
einer gemeinsamen großen Reise ergeben, doch an der großen Orientreise mit
Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover 1987 —einer Fahrt mit
vier VW-Bussen durch die Türkei, durch Syrien, Jordanien und Ägypten und
schließlich Israel, was ein letzter günstiger historischer Moment vor dem
Ausbruch der Intifada (und am Rande bemerkt für unsere Fahrt durch
Jugoslawien: auch gerade noch vor den jugoslawischen Sezessionskriegen)
gewesen ist – nahm Hans Gütte rege Anteil und stellte uns einen fachlich und
literarisch bedeutsamen Artikel für unser Abschlussbuch über die mystische
Musik des Ordens der tanzenden Derwische in Konya, dessen Spiritualität uns
schon bei der Türkei-Reise tief berührt hatte, zur Verfügung, der auch heute
noch in der Internet-Ausgabe dieses Berichtes zu lesen ist. Hier
trifft sich nun Hans Güttes Leben, in der Musik mit seinem unerschöpflichen
Interesse an der Welt, das mehr ist, als nur fachlich geographisches
Interesse. In der Mystik des Mêvlâna in Konya trifft sich mehr, als nur
Islam und mystische Gottesliebe, die Liebe zum Menschen erfüllt sich hier in
der mystischen Musik und im Tanz.
Ein
Reisender traf Madjnun:
Allein
saß er in der Mitte der Wüste.
Er
nutzte die ebene Fläche des Sandes
als ein
Blatt Papier
und
seine Finger als Feder:
Er
schrieb den Namen seiner Geliebten Leyli
wieder
und wieder in den Sand.
Da
sprach der Reisende:
0
verrückter Madjnun!
Was tust
du da?
Wenn du
einen Brief schreibst,
wer wird
ihn je erhalten?
Und
Madjnun antwortete:
Ich lebe
den Namen von Leyli ‑
wenn ich
sie selbst nicht erreiche
zur
liebenden Vereinigung,
so gebe
ich meine Liebe ihrem Namen!
Leider ist seither viel Zeit vergangen, vieles an
Hoffnungen und Träumen, die wir auf dem Burgberg in Buda und an langen
türkischen Abenden ausgetauscht haben, ist nicht Realität geworden. Doch
Hans Gütte hat sich einen Traum nach seiner Pensionierung, finanziert durch
seine Bordengagements, erfüllen können: die Reise in die Antarktis auf den
Spuren von Shackleton, den er schon immer bewundert hat. Doch darüber müsste
er selbst erzählen, Berichte aus zweiter Hand taugen hier nicht viel.
Vielleicht ist es aber doch sinnvoll, die Erinnerungen
mit einigen Zeilen des großen persischen Dichters und Mystikers Hafez
abzuschließen, zwischen Trauer über die Kürze der Zeit und Hoffnung auf die
Erfüllung der Liebe (und ich hoffe, Leser und Übersetzer dieser
beeindruckenden deutschen Fassung haben nichts dagegen, wenn ich das Gedicht
vollständig zitiere und ohne Kommentar als Résumé Hans Gütte widme:
Die
Ernte in der Werkstatt des Daseins
ist
nicht sehr ergiebig,
bring
Wein herbei, denn mit dem Werkzeug
dieser
Welt ist's nicht weit her!
Seele
und Herz verlangen
nach
Freundeswort,
dessen
bedürfen wir, sonst wäre es
um Herz
und Seel 'nicht allzu gut bestellt!
Verpflichte dich der Zeder nicht, der Tuba
um ihres
Schattens willen,
denn
wenn du's recht bedenkst, freie Zypresse,
ist's
damit nicht weit her!
Es fällt
das Glück uns ohne Mühe zu,
wenn
nicht, mit Aufwand und Bestreben wäre
es um
den Wonnegarten nicht zu gut bestellt!
Fünf
Tage misst die Frist, die uns hienieden ist gewährt, ‑
nutz
frohgemut die Zeit,
denn mit
der Zeit ist's nicht weit her!
Wir
harren, o Saghi, am Strande
des
Meeres der Vergänglichkeit:
gib
Stundung uns, denn sieh, von Mund zu Mund
ist ja
der Weg nicht weit!
Scheinheiligen vor des Rausches Launen
wähne
dich nicht gefeit,
vom
Kloster bis zum Weinhaus
ist auch
der Weg nicht weit!
Den Gram
und meine Bitternis
will ich
für mich behalten,
doch
eure öffentliche Anteilnahme
ist mir
durchaus entbehrlich!
Des
Hafis Name wurde mit der Chiffre
der Güte
ausgezeichnet.
Es gilt
vor Wissenden
Verlust
und selbst Gewinn nicht viel.
Meine Erinnerungen an die gemeinsamen Unternehmungen
mit Hans Gütte schließen hier zwar, doch verlangt die Gegenwart noch einen
traurigen Satz zum Abschluss. Wie mir die Frau von Hans Gütte, Hella Gütte,
schrieb, hat sich die altersbedingte Erkrankung unseres Kollegen leider in
den letzten beiden Jahren so verschlimmert, dass er wegen vollständiger
Orientierungs- und Hilflosigkeit nicht mehr zuhause bleiben konnte, sondern
jetzt in einem Diakonie-Pflegeheim untergebracht ist. Es fällt schwer, ein
Schicksal zu akzeptieren, dass diesem weltoffenen, phantasievollen und der
Kunst ergebenen Menschen gegen Ende seines Weges nach und nach die
Fähigkeiten der Kommunikation und sogar des Klavierspielens nimmt, und nur
noch die Hoffnung besteht, dass Erinnerungen an ein reiches Leben und an die
erfahrene Freundschaft in irgend einer Weise doch noch innerer Teil dieser
Persönlichkeit geblieben sind. Unsere guten Gedanken begleiten Hans Gütte
ebenso wie seine Frau, die ihm jetzt täglicher Halt und Zentrum sein wird.

Marktstand in der Neuen Markthalle in Konya
Anmerkungen
Erich Grün, Mythos und Farbe. Redaktion: Dr. Ingeborg Bloth
u.a.; Hannover 2005.
Die Informationen sind der o. g. Broschüre entnommen. An
dieser waren u.a. unsere früheren Kollegen Dr. Ingeborg Bloth und
Gerhard Stünkel beteiligt sowie der ehemalige Schüler Peter von Drathen
Rümi: Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha.
Aus: Persian Love Songs and Mystic Chants (LP).
Tangent TNGS 108.
Hafis (1320-1389 u.Z.), Aus den Liebesgedichten. Übertragen
von Cyrus Atabay. Hamburg 1965 (Hoffmann und Campe), 34
Inhalt
Lothar Nettelmann: Erinnerungen an Bernhard Buschmann
Gerhard Stünkel: Hallo, lieber Dr. Sievers!
Lothar Nettelmann: Erinnerungen an Erich Grün
Wilfried Haase: Erinnerungen an Dr. Edgar Kalthoff
Gerhard Voigt: Erinnerungen an Hans-Albrecht Gütte
Anmerkungen
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