Lothar Nettelmann
Vor hundert Jahren ein Konzept
der Modernisierung
Warum wurde die Bismarckschule zu dem, was sie heute
noch ist? Der Schlüssel liegt im Rückblick auf das sogenannte lange 19.
Jahrhundert, das bekanntlich erst mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging.
Die Neukonzeption von Unterrichtsinhalten und -methoden stand durchaus im
Einklang mit dem Humboldt’schen Bildungsbegriff, eines auf breiter Basis
angelegten Wissenserwerbs als Notwendigkeit für die sich modernisierende
Gesellschaft.
Die dynamische wirtschaftliche Entwicklung seit den
Gründerjahren machte generell eine Qualifikationserweiterung und -steigerung
notwendig. Der Bedarf an naturwissenschaftlich-technischem Wissen und an
einer kulturell-sprachlichen Öffnung erwies sich als notwendig für die
wirtschaftlichen Bedürfnisse in Westeuropa, in besonderem Maße im deutschen
Sprachraum. Der klassische Bildungskanon verlor nach und nach an Bedeutung,
ihre Befürworter an Einfluss, da sich deren gesellschaftliche und
ideologische Basis verringerte.

In Wissenschaft und Wirtschaft benötigte man
qualifizierte und nach den Erfordernissen gebildete Schüler – zunächst
Jungen –, an die Mädchen dachte man damals noch nicht im höheren Maße. Die
Frauenbewegungen benötigten einen langen Atem, um sich diesbezüglich als
sozioökonomisch notwendige Kraft und Komponente durchzusetzen und anerkannt
zu werden. Die gegründeten Mädchenschulen hatten zumeist noch eine andere
Funktion, waren aber ein wichtiger Anfang.
Im intellektualisierten Bürgertum des 19. Jahrhunderts
genügten noch Griechisch und Latein als Grundlage für das
Jurastudium. Die Medizin wurde aber bereits im naturwissenschaftlichen Sinne
verwissenschaftlicht, dieses vor allem im Verbund mit der
Grundlagenforschung. Die aufsteigenden Industrien der Branchen
Elektrotechnik, Maschinenbau und Chemie definierten einen neuen Bedarf.
Nicht zu unterschätzen: das (preußische) Militär forderte ebenfalls
nachhaltig den technisch qualifizierten Offizier wie auch zunehmend den gut
ausgebildeten Unteroffizier. Der tumbe Leutnant aus ostelbischem Adel
des 19. Jahrhunderts oder der immer feste die schlagende Korporal
hatten ausgedient. Das alte städtische Bürgertum nutzte seine Chance.

Abiturienten Ostern 1930
Es forderte und finanzierte neue Schulen für seine
Söhne und (in geringerem Maße) für die Töchter. Kinder bisher bildungsferner
Schichten kamen in den schnell wachsenden Städten und auf dem Land als
soziale Aufsteiger hinzu. Diese ökonomisch gewollten bzw. als notwendig
angesehenen Aufstiegsprozesse waren allerdings von den etablierten Schichten
auch mit Befürchtung wahrgenommen, wenn nicht gar als Bedrohung empfunden
und mit Argwohn betrachtet.
Nach
dem Ersten Weltkrieg öffneten sich die Schulen für die Aufsteiger aus den
ärmeren Schichten, der ‚Arbeiterklasse‘ wie man sie damals noch zu Recht
bezeichnen konnte und den umfangreichen bäuerlichen Milieus letztere aber
über den Umweg der zweiten und folgenden Söhne und Töchter (als
Mägde) in ihrer Binnenmigration in die Städte, also über den Zwischenweg der
sozialen Herabstufung bzw. Proletarisierung.
Diese
gesellschaftshistorisch nachvollziehbare Entwicklung spiegelt sich in der
Geschichte einer hundert Jahre alten Schule wider. Nicht zu vergessen, dass
es jeweils die begabtesten und vor allem fleißigsten, also die diszipliniert
arbeitenden Kinder waren, die die Schule erfolgreich absolvieren konnten.
Ein Rückblick auf Bildungsdiskussionen wie
Bildungsentscheidungen vor der damaligen Jahrhundertwende in Preußen und
seinen Provinzen soll kurz gefasst erfolgen:
Im Jahre 1897 betrug dort die Zahl der Oberrealschulen
(mit naturwissenschaftlich-technischem Schwerpunkt) 120.
Daneben gab es die 115 Realgymnasien (mit
neusprachlichem Schwerpunkt). Unterstützt wurde die Tendenz, den
mathematischen Unterricht in enge Beziehung zur Physik und den exakten
Fächern zu setzen durch Schulpraktiker und Wissenschaftler, die die
»Zeitschrift für den physikalischen und chemischen Unterricht (in Preußen)«
gründeten. In Österreich gab es entsprechende Bestrebungen.[1]
In
den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Neuphilologenversammlungen
ins Leben gerufen. Die erste fand 1886 in Hannover statt. Zentrale Forderung
war: Der Sprachunterricht muß umkehren.
Die Lehrpläne berücksichtigten schon 1892 die neuen Gesichtspunkte. Auf
der Berliner Neuphilologenversammlung (1892) gab es eine erregte Diskussion
zwischen den konservativen Vertretern einer streng grammatisch
philologischen Behandlung des Stoffes und auf der anderen Seite den Neuerem,
die in der Erkenntnis der Eigenart des französischen und englischen
Volkstums, wie sie sich in der Literatur und Geschichte, vor allem aber auch
im gegenwärtigen Leben dieser Völker darstellt, ihre Hauptaufgabe sahen.
[s.o.]

Tennisplätze ca. 1920
Das moderne Programm setzte sich nach und nach in den
Universitäten und der Schule durch. In den humanistischen Gymnasien war man
nicht über elementare Anfänge hinaus gekommen. Man blieb weitgehend beim
einseitigen grammatischen Betrieb. In den „Realanstalten“ war wohl eine
größere, aber eine rein äußerliche Gewandtheit im schriftlichen Gebrauch und
der Lektüre erzielt worden. Jetzt wurde die Forderung aufgestellt, das
Erlernen der lebenden Sprachen dem Hergang beim Lernen der Muttersprachen
nachzubilden. Aus unmittelbarem Gebrauch, aus Anschauung und Lektüre sollte
der Wortschatz hervorwachsen; auf Sprachgefühl und Gewandtheit wurde mehr
Wert gelegt, als auf
Kenntnis abstrakter Regeln und systematischer Zusammenhänge.
Daß die Lehrer nicht nur die fremde Sprache eine Forderung, die von nun an
immer dringender gestellt und durch mancherlei Einrichtungen, beherrschten,
sondern auch die Länder; wo sie gesprochen werden, aus eigener Anschauung
kennen lernen sollten, war besonders
Reisesptipendien, Ferienkurse im Auslande und den Austausch jüngerer Lehrer
und älterer Studenten mit englischen und französischen Kollegen in
steigendem Maße befriedigt wurde. (ebd.)

Dr. Büttner mit seiner Unterprima
Es war ein langes Ringen, bis die Abiturienten der
Realgymnasien und Oberrealschulen Zugang zu den philosophischen Fakultäten
erhielten und ihnen damit auch der Beruf des Oberlehrers geöffnet wurde. Der
Kampf um Reformen in den 1890er Jahren wurde getragen von wenigen Schulen
und ihren Direktoren [S. 722f]. Es muss deutlich werden, dass die
Auseinandersetzungen nicht einfach über Erkenntnisse in die
Notwendigkeiten der Modernisierung und die Erfordernisse der
Industriegesellschaft geführt worden sind. Sehr massiv wird die
innergesellschaftliche Auseinandersetzung als Kampf um Statuserhalt und
Standesprivilegien geführt. Folgendes Zitat hebt das deutlich hervor:
Um den gesamten Verlauf des ‚Schulkriegs‘ zu
verstehen, darf man die Tatsache nicht aus den Augen lassen, ... daß sich
nämlich soziale Gesichtspunkte, Standes- und Erwerbsrücksichten mit den
ideellen und pädagogischen mischen. ... Der Aufschwung der Technik und
Industrie, den das 19. Jahrhundert gebracht hatte, die zunehmende
Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit des Bürgertums, die damit
zusammenhängt, forderte Berücksichtigung in der Gesamtgestaltung des
Bildungswesens. Die aufstrebenden Stände, die auf eine moderne Bildung
angewiesen waren, empfanden in der Zurücksetzung der Realanstalten eine zu
Unrecht Artbestehende Schranke, die ihnen das Aufsteigen und den gebührenden
Einfluß auf den Gang des Staatslebens erschwerte. ... Der Kgl. Erlaß vom
Jahre 1899, in welchem die Gleichstellung der technischen Hochschulen mit
den Universitäten ausgesprochen und ihnen das Promotionsrecht erteilt wurde,
war der unmittelbare Anlaß zur Durchführung der Gleichberechtigung der
höheren Lehranstalten, die im nächsten Jahre erfolgte. [S.725]
Namhafte Vertreter aus Wissenschaft, ministeriellen
Ressorts, der Industrie und der Landwirtschaft unterstützten die Reformen in
Preußen. [S.734f.] Hervorzuheben sind auch die Reformforderungen seitens des
Militärs. Insgesamt erbrachte dies einen Durchbruch bezüglich der Forderung
nach einem höheren Anteil des Realwissens und der Gleichstellung mit dem
bisherigen alten humanistischen Gymnasium.
Die entscheidende, von Ministerialdirektor Friedrich
Althoff geleitete Konferenz, hat das Abitur aller neunjährigen höheren
Schulen als Aufnahmeprüfung für die Universität anerkannt. Oberrealschulen
mussten Kurse für Latein als Voraussetzung für das Medizin- oder Jurastudium
anbieten. Die Mediziner anerkannten ab 1907 jedes Abitur. Die Schülerzahlen
entwickelten sich zugunsten des Realgymnasiums – bei den Oberrealschulen
etwas langsamer – zu Lasten des Gymnasiums.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich in den drei
Schultypen eine etwa gleiche Ausbildungssituation ergeben. Von 1871 bis 1918
hatte sich die Zahl der höheren Schulen dreimal so schnell entwickelt wie
die der Bevölkerung insgesamt. Die Quote der Abiturienten war aber relativ
gering, da ein großer Teil der Schüler mit der Obersekundarreife die Schule
verließ; vor dem Ersten Weltkrieg erwarb nur etwas mehr als ein Prozent der
Achtzehnjährigen das Abitur.
Die Bismarckschule, konzipiert in den
Grundsatzdiskussionen der Jahrhundertwende in Preußen und der
wissenschaftlich-technischen Entwicklung der damaligen aufstrebenden
Industriegesellschaft, vereinigte die Grundprinzipien des
mathematisch-naturwissenschaftlichen und neusprachlichen Unterrichts viele
Jahrzehnte lang.
Es stellt sich heute die berechtigte Frage, ob die
Auseinandersetzungen um die Reformen des Schulwesens, an der die
Bismarckschule maßgeblichen Anteil hatte, und die bald nach der Lähmung
durch Krieg und Nachkriegszeit in den fünfziger Jahren begannen und massiv
in den sechziger und siebziger Jahren erfolgten, um dann in den Achtzigern
auszuklingen, in ihrer Substanz wirklich so neu waren und im Grundsatz
qualitativ verändernd.
Ist die vielfach nach manchen fragwürdigen und
zumindest diskussionsbedürftigen Entwicklungen der gutgemeinten
Reformeuphorie gespürte Hoffnung, dass ein gewisses Setzen des
Erreichten und damit eine lange Phase von Besinnung und Ruhe einkehren möge
auf der Basis des nun als bewährt Angesehenen berechtigt? Es wäre würdig,
eine längere Zeit der Methodensicherheit und didaktischen Bestimmung zu
haben. Kann man dieses nach den jüngsten didaktisch-methodischen
Auseinandersetzungen und administrativen Weichenstellungen noch
konstatieren?
Kann man jungen Kolleginnen und Kollegen noch
aufrichtig sagen: Ja, du kannst auf einem hohen Stand
methodisch-didaktischer Konzeptionen deinen Unterricht in • einem
überschaubaren Zeitraum durchführen, hier und da.neu nachdenken und
verbessernd weiterentwickeln?
Oder stehen nicht Vorboten eines Paradigmenwechsels ins
Haus, die viele Reformansätze im Verlaufe der vergangenen hundert Jahre zu
Phasen der Pädagogik-Geschichte werden lassen, die sicherlich irgendwann
einmal wieder in wiederkehrender Neugier erforscht und durchdacht werden?
[Fotografien: Archiv der Bismarckschule]
Die Zahlenangaben und die folgenden Ausführungen sind
entnommen: Dr. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts,
2. Bd.; herausgegeben und in einem Anhang fortgesetzt von Dr. Rudolf
Lehmann. Berlin/Leipzig 1921. Anhang II. Die Reform der höheren Schulen
zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Fortschritte im mathematischen und
neusprachlichen Unterricht.
Es war der Titel einer von Wilhelm Vietor anonym
herausgegebenen Broschüre.
Letztere Angaben nach Wehler, Hans-Ulrich:
Sozialgeschichte, Bd. 3; Von der Deutschen Doppelrevolution bis zum
Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995, 1201 ff.
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