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Inhalt
Gerhard Voigt
Die Zeit der Reformen
Anfang der 70er Jahre in der Bismarckschule Hannover
Einige
Erinnerungen eines Beteiligten
Die Bismarckschule Hannover ist als Reformgymnasium vor
hundert Jahren gegründet worden. Nicht immer standen Reform und Aufbruch im
Mittelpunkt der Schulentwicklung, die immer wieder auch von notwendiger
Konsolidierung und Bestandsaufnahme geprägt worden ist – auch und gerade in
Phasen der Skepsis und der Irritationen bezüglich der tatsächlichen
Reformerfolge vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher und
politischer Rahmenbedingungen.
Für eine heutige am Jubiläumszeitpunkt initiierte
Reflexion über die heutige Situation und mögliche pädagogische
Zukunftsszenarien der Bismarckschule Hannover ist jedoch ein Rückblick auf
bestimmte Reformphasen wichtig und ideengebend, so sie grundlegende
Änderungen in Struktur und pädagogischer Zielrichtung bewirkt haben.
Eine Phase des gesellschaftlichen und pädagogischen
Umbruchs begann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre und polarisierte die
Gesellschaft ebenso wie die Schulwirklichkeit. Einige Schulen in
Niedersachsen versuchten sich schon sehr früh an der Umsetzung von
grundlegenden Reformvorstellungen. Am bekanntesten ist die
Halepaghen-Schule in Buxtehude, von der sich das Buxtehuder Modell
der reformierten Sekundarstufe II, der bisherigen gymnasialen Oberstufe der
Klassen 11 bis 13, ableitete.
Dieser Startschuss initiierte erst die
ernsthafte Reformkonzeption des Niedersächsischen Kultusministeriums, das
zunächst von Kultusminister Prof Peter von Oertzen, SPD, geleitet
wurde, der sich schon vorher Verdienste beim Aufbau des Studienganges
Wissenschaft von der Politik an der Universität Hannover – zunächst noch
TH und dann TU – erworben hatte. Für die Sekundarstufen-II-Reform, die die
Bismarckschule Hannover als Gymnasium besonders betroffen hat und die daher
im Mittelpunkt dieses Berichtes steht, wurden Reformkommissionen
eingerichtet und zwar die Kommissionen A, B und C entsprechend den
Aufgabenfeldern in der neuen Abiturprüfungsordnung –
sprachlich-künstlerisches Aufgabenfeld, gesellschaftswissenschaftliches
Aufgabenfeld und mathematisch-naturwissenschaftliches Aufgabenfeld (Sport
wurde den Aufgabenfeldern nicht zugeordnet) – und die Kommission D als
Grundsatzkommission für Strukturfragen und rechtliche Koordination. Leiter
der Kommission D wurde Ulrich Bauermeister von der Tellkampfschule,
der später Schulleiter der Bismarckschule Hannover geworden ist.

Von der Koedukation zur
Oberstufen-Reform
Was waren nun die Bedingungen und Schritte, mit denen
sich die Bismarckschule Hannover diesen Reformimpulsen zuwendete? Die
Reformschritte der Schule waren meist durch äußere Bedingungen vorgezeichnet
und dadurch in der Motivation eher affirmativ. Aber typisch für die Schule
und ihre Reformtradition war, dass sie die Reformnotwendigkeiten recht früh
erkannte und tatkräftig umsetzte. Das war in den fünfziger Jahren so, als
die Bismarckschule Hannover eine der ersten UNESCO-Modell-Schulen
Deutschlands wurde und damit den Nachkriegsimpuls der Weltoffenheit und des
Ausbruchs aus national verengten Weltbildern umsetzte. Der Zeit entsprechend
standen dann Schulpartnerschaften und Kontakte mit den Niederlanden und
England auf der Agenda, die sich später parallel zur Neuen Ostpolitik
der Bundesrepublik Deutschland verstärkt nach Osten und hier vor allem in
Richtung Polen wendete.

Ende der sechziger Jahre musste dann ein tiefer
Einschnitt bewältigt werden, als die traditionsreiche Jungenschule sich der
Koedukation öffnete. Als der Verfasser dieser Zeilen um 1976 seine ersten
Jahre in dieser Schule verbrachte - er war als Referendar 1971 an die
Bismarckschule gekommen -, traf er gerade auf die ersten kleinen Mädchen
dieser Schule, wobei in Kollegenkreisen eine bange Aufmerksamkeit
herrschte, ob diese Veränderung – für ein fast ausschließlich männliches
Kollegium – das Schulklima verändern würde und die zum Teil wohl etwas
ruppigen Umgangsformen – heute würden wir sie eher als autoritär
kennzeichnen – im Unterricht notwendigerweise transformieren würde. Ein eher
kurioses Erlebnis blieb dann auch fest in der Erinnerung, das Aufschluss
über den Ruf der Schule in diesen Jahren geben konnte. In den oberen Klassen
gab es noch keine Mädchen, da kam in meinen Leistungskurs Gemeinschaftskunde
eine junge Dame, die ihre Schulaufnahme trotz alledem mit Vehemenz
durchgesetzt hatte. Einige Zeit vorher hatte sie voller Frust die Schule
geschmissen – es mag egal sein, an welcher Schule – und sich eine
Erlebniszeit verordnet: Auf einem schweren Motorrad fuhr sie ganz
alleine über ein Jahr lang nach Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien und
kam hart, weltoffen, entscheidungsstark und hoch motiviert nach Hannover
zurück und entschloss sich, an der Bismarckschule das Abitur zu machen,
trotz höherem Alter und trotz – oder gerade wegen – der reinen
Jungenumgebung in den Kursen, denn sie hatte genug von der
Verweichlichung und mangelnden intellektuellen Anforderungshöhe der
traditionellen Mädchenschulen... Ganz am Rande gesagt – diese Marginalie sei
mir erlaubt – tut es mir als Orient- und Iranspezialisten existenziell weh,
dass solche Reisen heute wohl kaum noch möglich sind, erst recht nicht für
allein reisende junge Damen. Ob diese von Rufin
so treffend geschilderte Tendenz der Restauration, Rückwärtswendung,
nationalistischen Einengung und Angst vor der Weltoffenheit und der
Offenheit gesellschaftlicher Situationen, die hinter den Machtkämpfen und
Fundamentalismen aufscheint, nicht auch bezeichnend ist für den
bildungspolitischen Rückschritt in Deutschland, an dessen Spitze sich
Niedersachsen gerade setzt und der längst fatale Auswirkungen auf unsere
eigene Schule hat, ist bedenkenswert, sei aber an dieser Stelle hintan
gestellt.
Dies war nun in den siebziger Jahren das Ergebnis eines
gesellschaftlichen Bewusstseinswandels, der mit den Stichworten
„Sputnik-Schock“ – im gesamten westlichen Bereich – und technologischem
time lag – für die Bundesrepublik Deutschland – oft polemisch
gekennzeichnet wurde und der Einsicht die Türen öffnete, dass sich am
deutschen Bildungswesen Grundsätzliches ändern müsse. Das betraf sowohl die
Universitäten, in denen sich Opposition und teilweise revolutionäres Denken
breit machte (»Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren«),
wie in den Schulen, in denen alte Strukturen und Unterrichtskonzepte als
überholt und nicht zukunftsfähig erkannt wurden. Picht brachte das auf die
griffige Formel Bildung ist Bürgerrecht und vor allem das deutsche
Bürgertum sah zunehmend die Notwendigkeit, in radikal veränderten
schulischen Bedingungen die Chancen für die eigenen Kinder zu verbessern.
Daher war diese Schulreform in weiten Teilen auch nicht ein Vorstoß der
politischen Linken, sondern des liberalen Bürgertums.
Wenn nun, als nächstem konkreten Schritt die
Bismarckschule Hannover als eine der ersten Schulen des hannoverschen Raumes
eine grundlegende Oberstufenreform in Angriff nahm und somit sich in
der Öffentlichkeit wieder als moderne Reformschule präsentierte, ist eine
ganz besondere schulpolitische Konstellation in der damaligen Lehrerschaft
mit dafür verantwortlich, nämlich der auf der einen Seite soliden Mehrheit
der am traditionellen gymnasialen Erziehungsmodell orientierten Mitglieder
des Philologenverbandes, aber gleichzeitig auf der anderen Seite der
politischen Orientierung an der Sozialdemokratie, wie sie für Hannover
typisch war. Etwas überspitzt könnte man daher den Reformeifer der Schule
kennzeichnen als den Versuch, mit Reformbereitschaft letztlich den Kern der
Gymnasialbildung bewahren zu können und mit dem Versuch, an der Spitze der
Reformbewegung zu stehen, den Kurs der Reform im eigenen Sinne mit bestimmen
zu können.

Schritte zur Reform –
verGooglet?
Es scheint nun notwendig zu sein, zumindest auf
Landesebene von Niedersachsen die Vorgaben, Bedingungen und Schritte dieser
Oberstufenreform nachzuzeichnen und in ihrer Bedeutung zu werten. Suchen wir
also nach entsprechenden Handbucheinträgen — Fehlanzeige! Grundlegende
wissenschaftliche Studien und Aufsätze — Fehlanzeige. Eingehendere
persönliche Lebenserinnerungen und biographische Skizzen — Fehlanzeige...
Ist dieser Zeitabschnitt der Schul- und Schulpolitik-Geschichte einfach dem
öffentlichen Vergessen anheim gefallen, durch bewusste Nichtbeschäftigung
anathematisiert worden oder reichte meine knappe Vorbereitungszeit für
diesen Aufsatz einfach nicht aus, eine erfolgreichere Materialrecherche
durchzuführen? Für mich bleibt daher immer noch das Desiderat, dass die
Reformphase von Ende der sechziger bis Anfang der achtziger Jahre einer
gründlichen und kritischen Aufarbeitung bedarf, wo neben öffentlichen
Reaktionen z.B. der Lehrerverbände auch die Akten des Kultusministeriums mit
einzubeziehen wären. Wer schreibt von den noch lebenden „Mitstreitern“ der
Reform seine Reminiszenzen auf, deren Publikation ich übernehmen könnte?
Heute ist es üblich geworden, fast grenzenloses
Vertrauen ins Informationsangebot des Internets zu setzen: Was nicht von
Google erschlossen wird, existiert nicht ... ? Siehe da: die
Oberstufenreform gibt es nicht. Allgemeine Web-Recherchen ergeben,
dass Reform in Niedersachsen gleichgesetzt wird, mit dem hektischen
Wirken von Kultusminister Busemann; es scheint, dass es davor nichts gab.
Worüber sich trefflich streiten ließe.
Nur etwas konkreter und spezieller bei der Frage nach
den Reformkommissionen finden sich einige Einträge, die sich auf die von uns
zu thematisierende Reformzeit beziehen. Doch leider sind es ausschließlich
Aufsätze entweder von mir selbst3 oder von Kollegen auf meine
Bitte hin verfasst für die Verbandszeitschrift „politik unterricht aktuell“
– vor allem in Gedenken an die vor einiger Zeit verstorbene RD' Dr.
Edigna Schrembs,
die eine der Initiatorinnen der Reformarbeit war und über Jahre hin im MK
die Arbeit der Reformkommissionen betreute und „in Gang hielt“.
Auch nach ihrer Pensionierung und dem Ende der Reformphase hielt sie den
persönlichen Kontakt mit den damaligen Mitstreitern aufrecht und gab
Mut, den aktuellen Entwicklungen mit der nötigen Distanz entgegen zu stehen.
Letzter Versuch bei Google: Die Suche nach Einträgen
zum Buxtehuder Modell, der ersten Reformkonzeption in Niedersachsen
und auch Vorbild für die Reformbemühungen der Bismarckschule Anfang der
siebziger Jahre. Das führt nun zwangsläufig zur Homepage der
Halepaghen-Schule in Buxtehude,
an der vor Zeiten das Buxtehuder Modell entwickelt worden ist. Dieses
wird dort auch mit einigen wenigen Sätzen des historischen Interesses halber
erwähnt, doch Aufschluss über die Geschichte dieser bahnbrechenden
Schulreform findet sich hier auch nicht. Dafür ein Bericht über die
Teilnahme am Schul-TÜV des niedersächsischen Kultusministers, bei dem
die Schule als eine der ersten freiwillig teilgenommen und wohl auch recht
gut angeschnitten hat. Dies ist insofern interessant, als diese
„Schulinspektion“ in Niedersachsen zu einer Regelveranstaltung werden soll
und damit in einiger Zeit auch der Bismarckschule bevor stehe.
Klar wird aber auch, dass die Erfahrungen und Meriten aus der Reformphase
für diese aktuellen Aufgaben wohl kaum noch eine Rolle spielen, es sei denn,
dass eine Schule wie die Halepaghen-Schule ihren Impetus und ihr
reformorientiertes Selbstbild aus dem Wachhalten der eigenen
Reformgeschichte zieht. Das könnte nun aber auch. ein Muster für die
Bismarckschule Hannover sein!
Im Übrigen findet sich im gleichen Google-Nachweis auch
der Verweis auf einen schön ironischen Bericht in der ZEIT
über eben diese Schulinspektion an der Halepaghen-Schule, auf die wir im
„amtlichen Bericht“ des Kultusministeriums schon gestoßen sind.
So zeigt sich wieder einmal deutlich, dass sich das
Medium Internet zwar für die Recherche von aktuellen +Zusammenhängen und
Ereignissen längst unentbehrlich gemacht hat, jedoch für zeitgeschichtliche
und historische Informationen nur sehr bedingt wenn überhaupt heran gezogen
werden kann. Das zeigt natürlich die Interessengebundenheit der
Internetauftritte, bei denen wissenschaftliche Interessen nur ganz am
Rande bei der Web-Publikation von Diplom- und Seminararbeiten eine Rolle
spielen, die in ihrer thematischen Auswahl, dem Lehrbetrieb der
Universitäten, nicht aber den Recherche-Bedürfnissen der Nutzer folgen. Dies
sollte auch den Kolleginnen und Kollegen ebenso wie den Schülerinnen und
Schülern klar sein, die das „Web“ oft recht unkritisch nutzen und denen oft
nicht hinreichend bewusst ist, dass das Internet letztlich kein
Informationsmedium sondern eine technische Übertragungsnorm von beliebigen
Inhalten zwischen Computern darstellt (Protokolle, FTP...)

So bleibt für eine Vertiefung und Veranschaulichung der
Situation der Bismarckschule Hannover in der Reformphase der Siebziger Jahre
nur die persönliche Erinnerung des Verfassers, da diese Phase eng mit der
eigenen beruflichen und privaten Biographie verbunden war. Dass dies auch
eine subjektive wertende Perspektive auf diese Periode und ihre
Erfahrbarkeit impliziert, versteht sich wohl von selbst.
Die Reformkommissionen
Aus eigener Erinnerung und den vorliegenden Folgen der
Handreichungen
kann ein gewisser Rahmen für die intensive und differenzierte
Reformarbeit der siebziger Jahre in Niedersachsen gezeichnet werden ohne
Anspruch auf Vollständigkeit und mit dem Risiko der Fehlerhaftigkeit, das
Erinnerungen an sich haben. Dabei soll immer im Auge behalten werden, wie
stark die Bismarckschule Hannover mit diesen Reformbemühungen inhaltlich und
personell verknüpft war, was zu wesentlichen Veränderungen auch an der
Schule selbst führte.
Nach einigen genehmigten Schulversuchen, von denen die
Reformkonzeption des „Buxtehuder Modells“ der Halepaghen-Schule in Buxtehude
die weitestgehende und folgenreichste gewesen sein dürfte, setzte das
Kultusministerium so genannte „Reformkommissionen“ zur Reform der
Sekundarstufe II (gymnasialen Oberstufe) ein. Gegliedert wurden diese nach
den drei Aufgabenfeldern, die nach Beschlüssen der KMK das zum Abitur
führende Fächerangebot strukturieren sollten: Aufgabenfeld A –
Sprachlich-literarisch-künstlerisches Aufgabenfeld, Aufgabenfeld B –
Gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld mit dem Sonderbereich der
Wertefächer (Religion, Werte und Normen, die z.T. externen Vorgaben zu
entsprechen hatten [Konkordat, Staatsvertrag]), Aufgabenfeld C –
Mathematisch-naturwissenschaftlich-technisches Aufgabenfeld, in das im
technischem Bereich auch die entsprechenden Fächer der Fachgymnasien
eingeordnet waren. Außerhalb der Aufgabenfeld-Gliederung blieb das Fach
Sport, das mit eigenen Unterrichts- und Belegverpflichtungen versehen wurde.
Eine vierte Kommission D hatte die organisatorische Koordination im Sinne
einer Grundsatzkommission zu leisten.
Die grundsätzlich pluralistische Zusammensetzung der
Kommissionen sollte gewährleisten, dass die verschiedenen Schulformen,
Fächer und Regionen Niedersachsens adäquat vertreten werden sollten und dass
die verschiedenen politischen und verbandspolitischen Strömungen in
Niedersachsen sich gleichermaßen in der Zusammensetzung der Kommissionen
wieder finden konnten. Das begründete die personelle Größe der Kommissionen
und verlangte nach internen differenzierten Arbeitsformen, in denen die
Gesamtkommission nur die ersten und letzten Schritte der Willensbildung
durch Abstimmungen zu bewältigen hatten. Erstaunlich war jedoch, dass die
sehr intensive und nicht unter Zeitdruck stehende inhaltliche Arbeit immer
wieder zu sehr elaborierten Konsenslösungen führte, die keineswegs den
Charakter von Formalkompromissen trugen.

Wichtig war .es auch, engagierte und
kompetente Leiter für die Kommissionen zu finden, die große integrative
Fähigkeiten mitzubringen hatten. Die Kommission B wurde in der
Gründungsphase von Dr. Heidemann von der Bismarckschule geleitet, bis sie
später von Dr. Jander von der Herschelschule übernommen wurde, der nach der
Kommissionszeit Leiter der Tellkampfschule wurde. Leiter der Kommission C
wurde Dr. Kittler, ebenfalls von der Bismarckschule. Dass der Leiter der
Grundsatzkommission D von der Tellkampfschule, Ulrich Bauermeister, später
Schulleiter der Bismarckschule Hannover wurde, war zwar nicht abzusehen, ist
meiner Meinung nach jedoch kein Zufall. So war der gegenseitige Austausch
von Reformimpulsen zwischen Schule und Kultusministerium gesichert und es
erübrigt sich, alle Kolleginnen und Kollegen zu nennen, die mehr oder
weniger lange Zeiträume in den Kommissionen mitgearbeitet haben.
Der Sprung vom Referendariat zur
Reform
1971 begann meine nun fünfunddreißigjährige Dienstzeit
an der Bismarckschule Hannover. Ich hatte mir diese Schule für mein
Referendariat nach meinem Staatsexamen in den Fächern Erdkunde und Politik
an der Universität Hannover nicht selbst ausgesucht, stand dieser Schule
auch eher reserviert gegenüber. Das Gebäude, das typischerweise nur durch
Nebeneingänge betreten wurde, vermittelte den ersten Eindruck einer
Machtarchitektur, in dein die Schüler (und Lehrer) zu fleißigen und
gehorsamen kleinen Bienen degradiert werden sollten, wie die
Bienenstockornamentik am Eingang auch gelesen werden konnte. Meterdicke
Wände im Erdgeschoss, riesig hohe Klassenräume, lange, eintönige Gänge: die
Notwendigkeiten einer Architektur, die im Sumpf auf Holzpfählen steht und
andererseits auch die klimatischen Vorzüge des massiven Gebäudes vor allem
im Vergleich zu den gerade erst errichteten Pavillons, erschlossen sich mir
erst im Laufe der Zeit. Dazu kam der Ruf einer männlichen Schülerschaft, die
in den koedukativen Nachbarschulen durchaus gefürchtet war. Auch das
durchaus gymnasiale Kollegium befremdete mich eher, so dass ich froh
war über jedes Anzeichen von Bewegung und Reformorientierung, nachdem ich
mich schon im Studium eindeutig auf Seiten der politischen Linken
gewerkschaftlich und als Sozialdemokrat eingeordnet und engagiert hatte bis
hin zu einer Zeit als Assistent eines Bundestagsabgeordneten in Bonn.
Die Umbruchssituation, in der sich die
bildungspolitische Landschaft und mit ihr die Bismarckschule befand
Lehrermangel, zu große Schülerzahlen, Hereinwachsen in die Koedukation und
letztlich die sich gerade vollziehende Umgestaltung der gymnasialen
Oberstufe – faszinierten mich mehr, als der eigentliche Unterrichtsalltag.
Es war auch daher ein Sprung ins kalte Wasser, da ich
selbstverständlich die volle Zahl der möglichen Stunden eigenständigen
Unterrichts übernahm und gleichzeitig noch wochenlang keinerlei Anleitung
hatte, da das Studienseminar gerade von einem Seitentrakt im Leineschloss in
die Büttnerstraße umzog. Bis auf ein paar Hospitationsstunden in der
Mittelstufe im Fach Erdkunde bei dem geschätzten Kollegen Bonczek war auch
von der Schule keine echte Hilfe zu erhalten. Also fragte ich meine siebten
Klassen erst einmal, was sie denn so üblicherweise in Erdkunde machen. Und
ich lernte aus Erfahrung, dass Schüler dieser Altersstufe die Pavillons
lieber durch das Fenster als durch die Tür verließen. Doch hat mich das
nicht allzu sehr aufgeregt und mein persönliches Verhältnis zu den Klassen
war recht entspannt. Damit handelte ich mir in meiner zweiten Prüfung dann
als kritische Bemerkung für das Fach Erdkunde ein, mein Unterrichtsstil wäre
zu sehr dein Laissez faire verhaftet, was ich bis heute eigentlich
nicht unbedingt als schwerwiegende Kritik verstehen kann.
Wichtiger wurde für mich die Erfahrung, dass die
Reformnotwendigkeit vor allein in einem veränderten Schülerbild begründet
liegen muss, weniger in formalen Strukturveränderungen. Für mein Fach war
das dann die Forderung nach einem generellen Unterrichtsprinzip der
„Politischen Bildung“, das fächerübergreifend Sozialverhalten, Sozialisation
und Kommunikation in den Mittelpunkt zu stellen hat. Damit befand ich mich
auf einer Wellenlänge mit damals immer wichtiger werdenden Theoretikern der
Politischen Bildung wie Hilligen, Klafki und – etwas später – Bernhard
Claußen, mit dem mich später einige Jahre fruchtbarer Zusammenarbeit
verbanden. Auch E.-A. Roloff aus Göttingen wurde zu einem Orientierungspunkt
meiner eigenen politikdidaktischen Arbeit, so dass ich an seinem Institut
mehrfach mitarbeiten und Lehraufträge übernehmen konnte. Den genannten
wegweisenden Didaktikern sei daher hier noch einmal mein Dank ausgedrückt
und mit der Überzeugung verbunden, dass meine Mitarbeit an den Reformen in
Niedersachsen gerade auch die Parallelität mit der wissenschaftlichen
Erschließung der Fachdidaktik erforderlich machte.
Diese Anmerkungen sollen hervorheben, dass sich die
Schule in den siebziger Jahren in einem fundamentalen Paradigmenwechsel
befindet, der einerseits eingebunden ist in einen Wandel der
gesellschaftlichen Selbstverständnisse und einen sehr tief greifenden
Legitimationskonflikt der überkommenen Sozial- und Herrschaftsstrukturen –
was sich politisch im Wandel von den bürgerlichen Mehrheiten über die
Große Koalition hin zur sozialliberalen Koalition feststellen lässt —,
der auch nicht an der Schule vorbei gehen konnte.
Als ich an die Bismarckschule Hannover kam, wurde im
Kollegium ein sehr deutlich empfundener Generationenkonflikt offensichtlich.
Institutionell machte sich das bemerkbar, dass erstmals auch eine
nennenswerte GEW-Gruppe hervortrat, der vor allem die jüngeren Kollegen und
Referendare angehörten, deren gewerkschaftliches Selbstverständnis von den
affirmativen Konsens-Zumutungen der älteren Kollegen nicht mehr
zurück schreckte, was zum Teil zu recht persönlichen Konflikten und
Auseinandersetzungen führte. Kurzfristig hatte ich die Leitung der
GEW-Gruppe übernommen, da ich schon in der Studienzeit durch Jobs als
Straßenbahnfahrer die gewerkschaftliche Organisation, zunächst in der ÖTV,
als selbstverständlich verstand und auch das Streikrecht als Menschenrecht
ansah. Die Sonderrolle des Beamtenrechtes leuchtet mir bis heute nicht ein
und ich glaube schon, wenn nicht der hinhaltende konservative Widerstand in
diesem Berufsstand gegen jede Veränderung und Modernisierung vorherrschend
gewesen wäre, dass wir damals eine reale Chance gehabt hätten, das obsolete
Beamtenrecht zu Gunsten eines „Einheitlichen Dienstrechtes im Öffentlichen
Dienst“ hätten durchsetzen können, wie es in den Vorstellungen von DGB, ÖTV
und GEW zum Ausdruck kam.
Nachdem mir auch in persönlichen Konflikten die
voranschreitende Polarisierung im Kollegium suspekt geworden war, zog ich
mich weitgehend aus der aktiven Gewerkschaftsarbeit an der Schule
zurück, die mir für die anstehenden Reformen nicht tragfähig erschien.
Die Reform der Oberstufe ging zügig voran durch die
phantasievolle und kompetente Arbeit vor allem des Koordinators StD
Unterberg: das hieß, dass nicht nur Stundenpläne, Leistenpläne,
Wahlvoraussetzungen und eine Vielzahl von Formularen neu und selbst
entwickelt werden mussten, sondern vor allem auch, dass die Fachkonferenzen
sich intensiv mit den inhaltlichen Konsequenzen der Umstellung des
Unterrichts im Kurssystem zu beschäftigen hatten. Wichtig und für die
allgemeine niedersächsische Oberstufenreform bestimmend wurde vor allem die
grundsätzliche Entscheidung, dass Halbjahreskurse ein eigenes geschlossenes
Thema zu bekommen hatten. In den Hintergrund traten Vorstellungen von einer
sequenziellen Kursfolge. Dazu standen jedoch die Aufgabenfelder sehr
unterschiedlich. Während das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld (B)
sowohl in der Schule als auch in den Reformkommissionen von der absoluten
Gleichwertigkeit unterschiedlicher Kursthemen ausging, die beliebig zu
Kursfolgen – auch vom Schüler durch seine Kurswahl selbst – kombiniert
werden konnten, bestanden vor allem die Naturwissenschaften zumindest im
Ansatz auf logischen sequenziellen Inhaltsfolgen.
Das bedeutete aber auch, dass die Schülerinnen und
Schüler intensiv über die geplanten und vorgeschlagenen Kursinhalte
informiert werden mussten, was durch ganzseitige Kursankündigen mit
viel Ähnlichkeit zu den Vorlesungsverzeichnissen der Hochschulen geschah. Es
bedeutete aber auch, dass eine freie und sinnvolle Kurswahl durch die
Schülerinnen und Schüler nur dann möglich war, wenn möglichst wenig äußere
formale Auflagen und Einschränkungen zu berücksichtigen waren. Für ein
sinnvolles Gesamtangebot waren daher die Fachkonferenz insgesamt und die
pädagogische Verantwortung der unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen
verantwortlich, auch dass keine Exotenthemen ohne übergeordnete
fachliche und inhaltliche Dominanz zu einer Vereinseitigung der
Bildungsangebote führten.

Pädagogisch-didaktisches Prinzip wurde dabei das
exemplarische Lernen, das auf der Überzeugung beruhte, dass nicht Stoffe und
Inhalte als solche den pädagogischen Wert des Unterrichts ausmachen, sondern
dass ihre Anwendbarkeit und Übertragbarkeit durch die Exemplifizierung
erarbeitet werden müssen.
Hier noch einmal ein persönlich-biographischer Exkurs
aus meiner Anfangszeit als Referendar in der Bismarckschule Hannover. Nach
einem halben Jahr hatte ich die Chance, einen Ausbildungsschwerpunkt in der
Oberstufe zu setzen, was mir durch meinen Gemeinschaftskunde-Fachleiter und
Schulkollegen Dr. Heidemann erleichtert wurde, der seinerzeit gleichzeitig
erster Leiter der Kommission B beim Niedersächsischen Kultusministerium war.
So konnte ich schon im Referendariat einen Studienkurs in Klasse 12 im
eigenständigen Unterricht übernehmen und aus dem parallelen
Ausbildungsunterricht im Studienkurs Klasse 13 wurde ebenfalls bald
eigenständiges Unterrichten, da die Kursleiterin kurzfristig nach NRW
versetzt worden war und mein Kollege Meier-Wiedenbach - der später an das
staatliche Schulamt Braunschweig ging - nur formal als Kursleiter auftrat.
Eine anekdotische Reminiszenz ist mein Gespräch mit
unserem damaligen Schulleiter Schröder, der mir kurz vor meinem zweiten
Staatsexamen verbot, mich an eine andere Schule zu bewerben, und ein
„Bestehen des Examens“ anordnete, da ansonsten das kurz danach stattfindende
schriftliche Abitur im Fach Gemeinschaftskunde gefährdet wäre. So ist es
denn auch geschehen und ich bin noch nach fünfunddreißig Jahren an der
Bismarckschule festgewachsen.
Diese Vorgeschichte öffnete mir dann aber auch den Weg
– durch Herrn Dr. Heidemann initiiert – in die Reformarbeit in Niedersachsen
schon als Assessor. Thematisch fundiert war das auch durch die Wahl meines
schriftlichen Examenthemas, bei dem ich in exemplarischer Projektarbeit im
eigenen Studienkurs Gemeinschaftskunde empirische Untersuchungen zum Thema
Soziale Ungleichheit im Einzugsbereich der Schule durch die
Kursteilnehmer durchführen ließ.

Daran schloss sich die intensive gemeinsame Arbeit in
der Kommission B mit meinem Kollegen Jürgen Wolf an einem
Leistungskursentwurf im Fach Soziologie zum Thema Soziale Ungleichheit
an, der in den Handreichungen veröffentlicht werden sollte. Die
großartige Fachkompetenz von Jürgen Wolf vermittelte mir viele neue
fachliche Einsichten, die über das in der Hochschule erarbeitete deutlich
hinausgingen und mir vor allem Ansätze des Symbolischen Interaktionismus
und der Machttheorie erschlossen. Der so entstandene Kurs hat
sich vielfach bewährt und wurde Grundlage für Unterrichtsmodelle
verschiedener Autoren.
Als Arbeit im Zusammenhang der Reformkommissionen beim
Kultusministerium war das Ergebnis jedoch gehandicapt. Nach dem politischen
Wechsel in Niedersachsen unter dem neuen Kultusminister Remmers wurde nicht
nur die Reformarbeit beendet, sondern in den letzten schon druckfertig
vorliegenden Handreichungen (vier Folgen im Aufgabenfeld B mit einer
zusätzlichen „Zwischenfolge“) wurden nur noch konvenierende Kursentwürfe
aufgenommen, unser Kurs zur Sozialen Ungleichheit sowie ein
Psychologiekurs von Thomas Ziehe zum Thema Psychische Konflikte in
der Adoleszenz, in dem aktuelle Erziehungsstile konfliktorientiert
aufgearbeitet wurden, die sich um den narzistischen Charakter
drehten, wurden nicht mehr veröffentlicht, da „grundsätzliche inhaltliche
Bedenken“ bestanden.
Für die „Soziale Ungleichheit“ wurde sogar ein
inhaltliches Gutachten aus Bayern bemüht, das den Verfassern fachliche
Inkompetenz vorwarf, bezweifelte, dass sie „auf dem Boden der freiheitlichen
Grundordnung“ ständen und schließlich bestritt, dass es in der
Bundesrepublik Deutschland überhaupt Soziale Ungleichheit gäbe.
– Wie wenig dieses Gutachten selbst von Remmers ernst genommen wurde zeigt,
dass den Verfassern keinerlei berufliche Schwierigkeiten daraus erwuchsen
und dass Jürgen Wolf Fachberater Politik in Hannover – später Staatssekretär
in Sachsen-Anhalt – und Gerhard Voigt weiterhin regelmäßig Mitarbeiter in
verschiedenen Rahmenrichtlinien-Kommissionen wurde und beide sehr intensiv
in der niedersächsischen Lehrerfortbildung wirkten. Aber auch der Kurs
selbst wurde trotz Verbot von der GEW veröffentlicht
und hatte in dieser Form eine breitere Resonanz als die kostenlos an die
Gymnasien verschickten – leider aber selten intensiver umgesetzten –
Handreichungen.
Meine eigene Arbeit in den Reformkommissionen, d.h. in
der zweiten Hälfte der inhaltlichen Arbeit der Kommission B, nahm immer
größeren Umfang an. Zeitweilig war ich mit bis zu zwölf Wochenstunden an die
Kommissionsarbeit beim Kultusministerium abgeordnet, wo ich an bis zu
drei Handreichungskursen gleichzeitig mitarbeitete
und auch an der Grundsatzkommission der Kommission B zur Entwicklung von
Organisationsmodellen und Lernzielen beteiligt war, deren Ergebnisse
ebenfalls nicht mehr vom Kultusministerium veröffentlicht worden sind.
Zwischenzeitlich wurden vom Kultusministerium 1974 auch
noch „Materialien zur Vorbereitung von Rahmenplänen für den Sekundarbereich
I“ vorgelegt, die zeigten, dass die Reform des Sekundarbereichs II
eigentlich nur der erste Schritt zu einer umfassenden Umgestaltung des
Schulwesens in Niedersachsen sein sollte.
Bemerkenswert ist es im zeitlichen Vergleich, dass
Niedersachsen letztlich das differenzierteste und am ehesten auf Konsens
zielende Reformmodell entwickelte, während die Gesamtschulbewegung in
Nordrhein-Westfalen und die Hessische Rahmenrichtlinien-Konzeption
Gesellschaftslehre für den wissenschaftlich denkenden Didaktiker und
Schultheoretiker ein erheblich höheres Maß an Stringenz und „pädagogischem
Eros“ aufwiesen, aber die gesellschaftliche Wirklichkeit in den
Bundesländern einfach übergingen. Daher blieb Niedersachsen auch der
verletzende ideologische Grundsatzstreit um die Schulpolitik weitgehend
erspart. Umso bedauerlicher ist es, dass im letzten Jahrzehnt unabhängig von
der Parteizugehörigkeit inhaltliche Reform wieder in Verruf gekommen ist und
Strukturmodelle und Erziehung zu Sekundärtugenden in den Vordergrund
drängen, was zeigt, dass weder Politik noch Schule wirklich verstehen, was
die derzeitige Krise der Politik wirklich ausmacht und in wie fern
sie vor globalen Krisenerscheinungen gelesen werden muss.
Auch in unserer Schule wäre eine Neubesinnung darauf nicht überflüssig.
Drei
Arbeitsschwerpunkte entwickelte die Kommission B:
-
Die
Entwicklung von Kursmodellen für die Sekundarstufe II für alle beteiligten
Fächer, die in den Handreichungen zu veröffentlichen waren.
Zunächst waren es vor allem interdisziplinäre Integrationskurse, die sich
an das integrative Integrationsmodell „Gemeinschaftskunde der
Saarbrücker Rahmenvereinbarungen anlehnten. Dann folgten Kurse mit
Projektcharakter vor allem für die „Vorstufe“ der Klasse 11, in der
wesentliche neue Arbeitsformen entwickelt wurden und letztlich der
Mechanismus Lernen — Zensierung zu Gunsten einer Produktorientierung
und intrinsischen Motivierung aufgebrochen werden sollte. Schließlich
wurden Modelle entwickelt, die für die Einzelfächer Grund-und
Leistungskurse konzipieren sollten oder auch so genannte
Huckepackkurse, in der Grund- und Leistungskurs-Schülerinnen und
-Schüler zusammen unterrichtet werden sollten, wie in dem in der vierten
Folge der Handreichungen veröffentlichten Erdkundekurs Sozioökologie,
der mit seinem umfangreichen Materialangebot eher einem Baukasten für
viele individuelle Kursverläufe anbot.
-
Die
Erarbeitung von Lernzielen, Rahmenthemen und Organisationsmodellen für das
Aufgabenfeld B, was als Hilfe für die Umsetzung der Reform durch die
Fachkonferenzen gedacht war und im Grundsatzpapier vorgelegt wurde. Leider
ist dieser Teil der Kommissionsarbeit eigentlich nie richtig in die
Erprobung gegangen und im Nachhinein erscheinen mir doch einige
Organisationsmodelle, für die ich mich vehement eingesetzt hatte,
reichlich unhandlich und hypertroph. Sei's drum, es wurde nie versucht...
-
Letzter
Arbeitsbereich war dann der Versuch, den Schulen direkt durch persönliche
Hilfen, örtlichen Fortbildungsveranstaltungen und Konferenzbeteiligung die
Reform „schmackhaft“ zu machen. Dies Problem hatten wir an der
Bismarckschule nicht, denn hier war die Reform ohnehin umgesetzt worden
und wir konnten in der Veranstaltungen der „Heuschrecken“, über die
nachfolgend zu berichten sein wird, immer wieder auf die Erfahrungen an
der Bismarckschule hinweisen Was die inhaltlichen Determinanten der
Reformarbeit angeht, habe ich das Wesentliche schon im Zusammenhang mit
der Reform an der Bismarckschule genannt: Kursmodell, Wahlfreiheit, neue
Unterrichtsmodelle und Projektarbeitsformen, Beteiligung der Schülerinnen
und Schüler an der Entwicklung schulinterner Curricula,
produktorientiertes Lernen in exemplarischen Zusammenhängen und Ablehnung
von starren Konzepten der Grundbildung und des inhaltlichen Fachkanons. In
Frage gestellt wurde auch die primäre Zensurenorientierung, die die
wissenschaftlich begründete Skepsis gegenüber dem traditionellen
schulischen Leistungsbegriff ernst zu nehmen versuchte und immer größere
Bereiche zensurenfreien Lernens – zum Beispiel in ergebnisoffenem
Projektlernen – in den Unterrichtsalltag integrieren wollte. Dies -ist
heute in Zeiten der Pisa-Panik und des Zentralabiturs leider völlig
utopisch geworden. Aber die umfangreiche Literatur zu diesen Fragen kann
hier nicht referiert und zusammengefasst werden, sondern es kann nur auf
einige Werke in den Anmerkungen zu diesem Aufsatz verwiesen werden, in
denen solche Literaturverweise zu finden sind.

Heuschrecken
Heuschrecken sind seit 2005 und dem
entsprechenden Diktum von Müntefering Synonym für den gefräßigen
Kapitalismus in einem global liberalisierten Kapitalverkehr, in dem
spekulative Kapitalgeber (zum Beispiel Hedge Fonds) Firmen aufkaufen,
um aus ihnen den größtmöglichen Kapitalgewinn im Sinne des Shareholder
Values zu ziehen, sei es durch Weiterverkauf, Zerschlagung oder
radikalen Abbau der Arbeitskosten. Kein Wunder, dass diese
Heuschrecken von der Arbeitnehmerschaft aber auch von vielen Politikern
gefürchtet werden.
1976 in Niedersachsen waren wir selbst die
Heuschrecken: Die Kommissionsmitglieder wurden verpflichtet, an
möglichst vielen Gymnasialstandorten in örtlichen Tagungen mit Konferenzen
und Gruppensitzungen Intention, Praxis und Umsetzbarkeit der
Oberstufenreform zu erläutern und in Gesprächen mit den Fach-Kolleginnen und
-Kollegen auftretende Probleme zu erörtern.
Für viele Schulen war das eine unerwünschte Erfahrung.
Die z.T. bis zu zwanzig Fachleute und Referenten, die hier im Namen des
Kultusministeriums einfielen, konnten durchaus als „Heuschrecken“
gesehen werden, wie sie von Edigna Schrembs und 0. E. Müller (bis zu seinem
allzu frühen Tod) selbstironisch bezeichnet wurden. Ein Glaskasten mit einer
präparierten Riesenheuschrecke hing denn auch an der Stirnseite des
Tagungsraumes am Aegidienwall. Diese Dependance des Kultusministerium wurde
extra für die Arbeit der Reformkommissionen angemietet und bot ideale
Tagungs- Arbeits- und Besprechungsmöglichkeiten und einen leistungsfähigen
Kopierer der immer wieder heiß lief, da Papiere und Kursphasen für
alle Team-Mitglieder kopiert werden mussten. Die hier entwickelte
konstruktive Arbeitsform sah ein wechselseitiges System von Autoren und
Mitlesern vor, die jeden Entwurf gnadenlos zerpflückten, bis eine
Fassung gefunden war, die in der Gesamtkommission konsensfähig und damit im
Ministerium als publikationsfähig akzeptiert werden konnte. Da aber jeder
von uns sowohl Autor wie Mitleser war, ging die Kritik niemals ins
persönliche, und rein ideologische Debatten blieben strikt ausgespart.
Dennoch, nach der fünften Überarbeitung war man manchmal dicht daran,
hinzuschmeißen...
Mir persönlich wurde hier etwas zum ersten Mal wirklich
klar, was an unserer Schule längst nicht mehr mit dieser Relevanz zu
beobachten war, nachdem mehrere Jahre Reformbemühungen nach dem
Buxtehuder Modell, das hier zu einem „Hannoverschen Modell“ umgestaltet
wurde, aus eigener Kraft zu sichtbaren Erfolgen in der Schule selbst wie in
der ‚hannoverschen Öffentlichkeit geführt worden waren, dass nämlich die
Mehrzahl der Gymnasial-Kolleginnen und -Kollegen nicht nur skeptisch
gegenüber allen Reformbemühungen gegenüberstanden, die das herkömmliche
gymnasiale Fach- und Leistungsmodell verändern wollten, sondern die vom
Kultusministerium ausgehende Reform grundsätzlich und vehement ablehnten und
bekämpften. Konferenztermine in Celle und Lüneburg gehörten zu den
unangenehmsten Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Teilnahme an der Reform
machen musste. Hierbei kam es mir dann zu Gute, dass mir als Vertreter der
Gemeinschaftskunde mein älterer und gymnasialerfahrener Schulkollege
Buschmann mit Geschichtsfakultas zur Seite stand, während ich die
erdkundliche Seite zu vertreten hatte. Da Buschmann an der Bismarckschule
Hannover als Mitglied der CDU als Vertreter des konservativen Flügels
eingeordnet war, also meinen politischen Widersachern, war es für mich
zunächst schwer verständlich, ihn auf der Seite der Reformer konstruktiv und
solidarisch auftreten zu sehen – was an problematischen Standorten von ganz
großer Bedeutung war, konnte man ihm doch keine politische Einseitigkeit
vorwerfen. Doch sollte zu Herrn Buschmann noch erinnert werden, an die
gemeinsamen Bahnfahrten zu den Heuschreckenorten, bei denen sich über
die gegenseitige Anerkennung hinaus einige persönliche Zuneigung
entwickelte, die auch auf die gemeinsame Arbeit in der Schule ausstrahlte.
Hier wurde deutlich, dass die konkrete Reform an
unserer Schule, aus welchen Motiven heraus sie auch ursprünglich eingeleitet
worden war, nicht nur äußere Änderungen bewirkte, sonder Veränderungen im
Selbstverständnis der Lehrerschaft nach sich zog. Das kann wiederum parallel
zu allgemeinen gesellschaftspolitischen Prozessen in der Bundesrepublik
Deutschland gesehen werden, die mehr als nur rechtliche und organisatorische
Änderungen nach sich zogen, sondern tief in die Wandlungen der Politischen
Kultur einwirkten, was auch der Versuch einer Rückwärtswende in der
Kohl-Zeit letztlich trotz beängstigendem Reformstau und Stagnation nicht
wirklich rückgängig zu machen war. Daraus schöpfe ich die Hoffnung, dass
auch in der gegenwärtigen schulischen Situation allgemein in Deutschland in
der Folge der missverstandenen Rezeption der PISA-Studien als auch an
der Bismarckschule Hannover, der ich nur noch wenige positive Seiten
abgewinnen kann, die Erinnerung an die Reformimpulse der siebziger Jahre
trotz aller Verdrängungsversuche nicht wirklich erloschen ist, sondern eines
Tages ihre fruchtbare Kraft wieder zeigen und in die Realität umsetzen kann.
Anmerkung der Redaktion:
Die illustrierenden Schülerportraits entstanden im Kunstunterricht bei Herrn
Rümelin, u.z. (mit einer Ausnahme) in den Klassen 9d, 10c und 10d im
Frühjahr 2006. Es zeichneten und malten Mehdi Sehri (9), Jannika
Edler (9), Per Reichert (9), Tim Henneberger (10),
Christina Karsten (10), Daniela Knorr (10) und Nina von
Esmarch (10).
Anmerkungen
Jean-Christophe Rufin, 1993: Das Reich und die Neuen
Barbaren. Berlin, Verlag Volk & Welt (frz. 1991), be¬schreibt in dieser
Aufsehen erregenden Studie anschaulich die „neuen terrae incognitae“
dieser Welt (S. 31 ff.). Es ist bezeichnend, dass parallel zur
ökonomischen Globalisierung die Unzugänglichkeit der Welt für Menschen
wächst und zwar in beängstigender Weise, wenn man bedenkt, dass schon im
Mittelalter in der Zeit des islamischen Kalifats und des Mongolenreiches
die „Alte Welt“ für Reisende, Pilger und Händler – und zwar für Muslime
ebenso wie für Christen und Juden – zwar nicht ungefährlich, aber im
Prinzip zugänglich geworden war. Vergleiche dazu zum Beispiel die Reisen
des Marco Polo. Sogar in den sechziger und siebziger Jahren, z.T. noch
bis 1987, wenn sich hier auch Mittelasien langsam abschloss, war es
leichter, den Gesamtraum des Mittelmeergebietes, der ja eigentlich einen
einzigen Kulturraum repräsentiert, zu bereisen und zu erkunden, wie es
meine Staatsexamensforschungen in Iran ebenso bewiesen wie die Reise mit
Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover 1987 nach Syrien,
Jordanien, Ägypten und Israel - mit VW-Bussen und den Kollegen Büthe und
Stünkel in der Begleitung...
Der Bezug auf die „tausend Jahre“ ist durchaus
doppeldeutig. Wenn ich mir unsere heutige schul- und hochschulpolitische
Situation ansehe, scheinen mir zudem viele „neue Talare“ über
gleichermaßen muffige „Körper“ gezogen worden zu sein.
Nach Abschluss des Manuskripts wurde bekannt, dass diese
Schulinspektion in der Bismarckschule vom 5.-7. Juli 2006 stattfand.
Martin Spiewak: Wenn der Inspektor zweimal klingelt.
Auch Schulen bekommen Zeugnisse. Tagelang streifen Prüfer durch die
Klassenräume. Das Protokoll einer Begutachtung.
http://www.gymnasium-kerpen.de/inspek06b.pdf (nicht mehr verfügbar) DIE ZEIT 27/2005
Niedersächsisches Kultusministerium: Bericht.
Schulinspektion 2005. Schule: Gymnasium Halepaghen-Schule in:
Buxtehude. 2. Erprobungsrunde zur Schulinspektion in Niedersachsen.
Projekt „Qualitätsentwicklung in Netzwerken“ in Kooperation mit der
Inspectie van hei Onderwijs. Schulbesuch: 17.-20.01.2005. http://www.halepaghenschule.
de/schulprofil/Inspektion/Microsoft%20Word%20-
%20Inspektionsbericht%20Halepaghen%2005-01-307.pdf
Handreichungen für Lernziele, Kurse und Projekte im
Sekundarbereich II für das sprachlich-literarisch-künstlerische
Aufgabenfeld A. Herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusminister.
Hannover 1972 (Folge 1), 1973 (Folge 2), 1975 (Folge 3), 1977 (Folge 4).
Handreichungen _für Lernziele, Kurse und Projekte im Sekundarbereich II
für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld B. Herausgegeben vom
Niedersächsischen Kultusminister. Hannover 1972 (Folge 1), 1973 (Folge
2), 1975 (Folge 3), 1976 (Zwischenfolge), 1977 (Folge 4, Band 1 und 2).
Handreichungen für Lernziele, Kurse und Projekte im Sekundarbereich II
für das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Aufgabenfeld C.
Herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusminister. Hannover 1972 (Folge
1), 1973 (Folge 2), 1975 (Folge 3), 1977 (Folge 4).
1969 bei dem späteren parlamentarischen
Bildungsstaatssekretär und Bildungsminister Helmut Rohde (SPD)
Voigt, Gerhard, 1972: Problematisierung und
Differenzierung des Begriffs „Soziale Ungleichheit“ durch empirische
Erhebungen in Hannover Ein Unterrichtsversuch zum Einsatz empirischer
Methoden der Sozialforschung im Gemeinschaftskundeunterricht der
Oberstufe. Pädagogische Prüfungsarbeit am Staatlichen Studienseminar
Hannover!, Dr. G. Meyer / Dr. Heidemann. (Als Typoskript
vervielfältigt.)
Der Psychologiekurs wurde „trotz Verbot“ veröffentlicht als:
Schatteburg, Uta / Ziehe, Thomas, 1980: Psychische Konflikte
Jugendlicher in der Pubertät. Kursmodelle 1. Pädagogische
Arbeitsstelle. Dortmund.
In den Achtziger Jahren orientierten sich die neuen
Rahmenrichtlinien in Niedersachsen zunehmend am übergeordneten Konzept
der Schlüsselprobleme nach Klafki, wobei zumindest in den
gesellschaftswissenschaftlichen Fächern das Schlüsselproblem „Soziale
Ungleichheit“ an erster Stelle stand und verpflichtenden Charakter für
die Behandlung der Gegenwartsprobleme einnahm.
Eine von uns gewünschte Veröffentlichung dieses unsäglichen
Gutachtens wurde aber durch Hinweis auf das Urheberrecht verhindert.
Wolf, Jürgen / Voigt, Gerhard, 1978: Soziale Ungleichheit.
Leistungskurs Soziologie. [Nicht veröffentlichter
Handreichungskurs]. Materialdienst 1/78. GEW Niedersachsen, Hannover.
Behr, A. / Friebe, G. / Voigt, G., 1976: Wirtschafts- und
sozialgeographische Feldstudien. Handreichungen für den
Sekundarbereich II. Hrsg. vom Niedersächsischen Kultusminister,
Hannover, Folge B 3. – Voigt, Gerhard / Fuchs, Günter / Eilers,
Wilfried, 1978: Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme in einer
sich wandelnden Umwelt. Handreichungen für den Sekundarbereich II.
Hrsg. vorn Niedersächsischen Kultusminister, Hannover, Folge B 4, Band
1: 89-209. – Schließlich der Kurs „Soziale Ungleichheit“ von
Jürgen Wolf / Gerhard Voigt (1978), über den aus schulpolitischen
Gründen ausführlicher berichtet wurde.
Vorgelegt wurde dieses Papier dann als: „Grundsatzpapier“
der Gruppe B zur Reform der Sekundarstufe II beim Niedersächsischen
Kultusministerium 1971 bis 1977. Lernziele, Problemkreise und
Organisation des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes.
Vorgelegt in Hannover im Januar 1977. Herausgegeben vom
Philologenverband Niedersachsen im DLN. - Initiator dieser Publikation
war der Leiter der Kommission B, Dr. Jander, dessen Initiative es war,
trotz gewisser im Vorwort geäußerter Vorbehaltes des Herausgebers gegen
die Ergebnisse der Kommissionsarbeit, diese Veröffentlichung
durchzusetzen.
Vgl.. dazu die Aufsätze in: Claußen, Bernhard / Donner,
Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: Krise der Politik –
Politische Bildung in der Krise? Diskurse im Kontext von Globalisierung
und Ost-West-Perspektiven. Materialien aus der Zusammenarbeit
zwischen der Akademie für Wirtschaft, Politik und Kultur
Mecklenburg-Vorpommern und dem Verband der Politiklehrenden. Demokratie
und Aufklärung: Kritische Sozialwissenschaften und Politische Bildung im
Diskurs – Materialien –, Band 1. Galda+Wilch Verlag. Glienicke/Berlin /
Cambridge/Massachusetts
Inhalt
Einige Erinnerungen eines
Beteiligten
Von der Koedukation zur Oberstufen-Reform
Schritte zur Reform – verGooglet?
Die Reformkommissionen
Der Sprung vom Referendariat zur Reform
Drei Arbeitsschwerpunkte entwickelte die
Kommission B
Heuschrecken
Anmerkung der Redaktion
Anmerkungen |
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