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Jahrbuch und Dokumentation

Zeit Schnitte

Festschrift: Religion

 
 

Rainer Poetzsch und Michael Kronig

Reli – Renaissance:

Zum Stand des Religionsunterrichts

Eine Schülerin des 12. Jahrgangs schreibt im März 2006: Seit der Grundschule besuche ich schon den Religionsunterricht und tue dies auch weiterhin, da ich so erzogen wurde und es mir am Herzen liegt. Im Religionsunterricht wird viel diskutiert und man kann seine Meinungen vertreten, außerdem wird offen über alles geredet und man studiert wichtige aktuelle Themen. Es ist auch o.k., dass man ein gemischter Kurs ist und man von den anderen viel dazu lernt.

Diese religiöse Biographie hat sicherlich für viele unserer Schülerinnen und Schüler Gültigkeit. Zudem gibt sie einen charakteristischen Einblick in das Fach Religion in einer Zeit, die der breiten Öffentlichkeit als religionslos gilt. Dabei scheint das kirchliche Leben in Hannover das Gegenteil zu beweisen. Der Kirchentag, die Lange Nacht der Kirchen, ökumenische Vorlesungen und Gottesdienste, die Eröffnung des katholischen Jugendtreffs Café Tabor in unserem Stadtviertel und andere Ereignisse finden großen Zuspruch und weisen auf vielfältiges Engagement und hohe Aktivität, gerade auch von jungen Menschen, hin. Tagtäglich thematisieren Vorträge wie Christentum und Krieg und Frieden, Zivilcourage und Gottvertrauen oder Gerechtigkeit und Migration christliche Anliegen und mobilisieren Scharen von Interessenten. Auch die unübersehbare Zahl von esoterischen Zirkeln, pseudo-religiösen Sekten oder an fremden Religionen orientierten Gruppierungen demonstriert die Sehnsucht und das Streben nach einer anderen Welt und Wirklichkeit.

Wie kann christlicher Religionsunterricht seine Identität bewahren und sichern, in einer pluralistischen, aufgeklärten Gesellschaft, in einer globalisierten Welt, in der Konzerne bedingungslos den Primat von absoluter Leistung, Rentabilität und Effizienz fordern, in einem Milieu, wo der Mensch mehr und mehr in anonymen Kommunikationssystemen vernetzt und auf Funktionen reduziert ist?

Wie kann der Religionsunterricht in einer Zeit von Isolierung und Säkularisierung, von Pisa-Studie und Bildungsstandards- seine Verantwortung wahrnehmen und Schülern und Schülerinnen gerecht werden?

Wahr ist, dass das Lernen im Religionsunterricht ein individueller, geistiger und geistlicher Prozess ist, der über Wissensvermittlung hinausgeht und spirituelle und soziale Werte und Wahrheiten bereithält und vermitteln will. Christliche Religion denkt den Menschen als von Gott geschaffenes Wesen. In der Gottesebenbildlichkeit liegen Geborgenheit und Verheißung, Freiheit und Würde begründet. Ist nicht in einer Welt der politischen, ökologischen oder ökonomischen Katastrophen die Liebe Jesu Christi in Zuspruch, aber auch in Anspruch ernst zu nehmen? Richtig ist, die Schülerin bestätigt es oben, dass die brennenden Probleme unserer Zeit beste Voraussetzungen für einen lebendigen Diskurs bieten. Die Debatten um den Islamunterricht und das Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen bieten Anlass zur Begegnung mit einer zwar fremden, doch uns geographisch so nahen Religion. Die aktuelle Diskussion um die mögliche Einführung einer einheitlichen Schulkleidung an der BS stellt Fragen nach Identität und sozialem Konsens. Religiöse Probleme sind zu diskutieren, soziale Standards zu formulieren. Es gilt, Positionen bewusst zu machen, anzuerkennen und auszuhalten, aber auch im Sinne von Gottes universellem Anspruch zu hinterfragen. In der Vermittlung von Lebensdeutungen und Wertmaßstäben, in der Klärung existentieller und ethischer Fragen, in Angeboten der Identitäts- und Lebensbewältigung auf der Grundlage des christlichen Glaubens finden Schüler und Schülerinnen Herausforderung und Bestätigung. Die Sache klären, den Menschen stärken - das Motto der BS findet insbesondere im Religionsunterricht Geltung.

Bereits vor 10 Jahren formulierte die Fachkonferenz – im Rahmen der UNESCO-Schule – eine Absichtserklärung zu den Ansprüchen und Zielen des Faches Religion:

Das Evangelium ist die Botschaft vom Frieden, es hat eine universale Perspektive und zielt auf Versöhnung. Ein am Evangelium orientierter RU will die Toleranz, Fairneß und Partnerschaft der Schülerinnen untereinander fördern.... Ein am Evangelium orientierter RU überschreitet die konfessionellen Grenzen und versteht sich nicht als verlängerter Arm einer bestimmten Kirche. Diese letzte These zielt vornehmlich auf den Dialog der beiden großen christlichen Konfessionen miteinander. Aber dieser Horizont bot sogar die Möglichkeit, dass eine muslimische Schülerin im Fach katholische Religion ihre mündliche Prüfung absolvierte!

Damit ist nicht nur der anfangs zitierten Meinung der Schülerin entsprochen. Auch in der aus katholischen und evangelischen Vertretern gemischten Fachgruppe besteht Konsens, dass nicht spezifisch konfessionelle Bekenntnisse, sondern substantielle christliche Aussagen im Vordergrund des Unterrichts stehen sollten. Obwohl momentan die divergenten thematischen Vorgaben des Zentralabiturs eine Isolation und Separation der Konfessionen im Fach Religion zur Folge haben, sollte das Ziel einer fruchtbaren Kooperation und Integration nicht klerikalen und schulpolitischen Zielen geopfert werden. Erfolgreich durchgeführte ökumenische Weihnachtsfeste in der Paulus-Kirche oder in der Aula sind Indiz für funktionierende Offenheit und praktizierte Toleranz.

Wie schön wäre es, wenn sich die Schule den Wunsch eines Raumes der Religionen erfüllen würde, der Schülerinnen und Schüler aller Religionen zu gemeinsamer Begegnung und Besinnung einlädt, weil man von den anderen viel dazu lernt und es am Herzen liegt.

 
 

 

 
 

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